Franz Müntefering und die neue Bewegung

Franz Müntefering und die neue Bewegung

Saarbrücken. Als er vor der letzten Bundestagswahl im Saarland war, ging es ihm gar nicht gut. Bei einer Rede in Homburg sackte er ohnmächtig zusammen, musste über Nacht ins Krankenhaus. Der harte Wahlkampf hatte Franz Müntefering zugesetzt. Gestern, rund ein halbes Jahr vor den Wahlen im Saarland und im Bund, präsentierte sich der 69-Jährige in sehr guter Verfassung

Saarbrücken. Als er vor der letzten Bundestagswahl im Saarland war, ging es ihm gar nicht gut. Bei einer Rede in Homburg sackte er ohnmächtig zusammen, musste über Nacht ins Krankenhaus. Der harte Wahlkampf hatte Franz Müntefering zugesetzt. Gestern, rund ein halbes Jahr vor den Wahlen im Saarland und im Bund, präsentierte sich der 69-Jährige in sehr guter Verfassung. Körperlich robust und in seiner Wortwahl durchaus angriffslustig, spiegelte sein einstündiger Auftritt in der SZ-Redaktion viel von dem neu gewonnenen Selbstvertrauen der SPD.

Zunächst aber - und erfrischt von einer Tasse Kaffee (mit Milch, ohne Zucker) - machte sich Müntefering auf Nachfrage daran, seinen Vor-Vor-Vor-Vorgänger im Amt des SPD-Bundesvorsitzenden zu zerpflücken. Kein einziges persönliches Wort mehr habe er gesprochen mit Oskar Lafontaine seit dessen "schockierendem" Abgang am 11. März 1999. Man sei sich natürlich häufig begegnet in der Vergangenheit, aber auch nur einen Satz miteinander gewechselt? "Nein", sagte Müntefering, "ich bin mit ihm absolut fertig."

Weil das aber nicht alle Menschen sind, zumal im Saarland, ist es zu der merkwürdigen Situation gekommen, dass Lafontaine zehn Jahre nach seinem plötzlichen Abgang plötzlich wieder voll mitmischt. Und sogar wieder Ministerpräsident werden könnte.

Das schließt Müntefering indes aus. Er denkt ohnehin, dass die Wahl im Saarland "ganz anders endet, als mancher jetzt noch glaubt". Die Zustimmung zur Linken sei doch bei vielen "ein Luxusproblem", sagte er: "Viele wollen ja nicht, dass der Lafontaine regiert, die wollen uns vors Schienbein treten." Und überhaupt: In Krisenzeiten gingen die Leute wieder mehr in die Kirche - und zu den Vernünftigen. "Und die Vernünftigen sind wir!"

Da blitzte es auf, das neue Selbstvertrauen der SPD, das Müntefering anschließend noch deutlicher zur Schau stellte. Die Menschen hätten im Augenblick das Gefühl, dass die sozialdemokratische Idee die beste Antwort sei. "Aus der sozialdemokratischen Idee wird wieder so etwas wie eine Bewegung", predigte Müntefering. In Berlin gebe es derzeit außer der FDP nur noch Sozialdemokraten: "Alle reden wie wir. Aber wir sind das Original. Das wissen die Menschen."

Große Worte. Noch aber von wenig benennbaren Perspektiven oder gar Visionen begleitet. Die Aufgaben der Zukunft seien Arbeit, Bildung und die Neuorganisation der weltweiten Finanzwirtschaft, sagte Müntefering.

Stimmt. Aber genügt die Kennzeichnung von Bekanntem, um Wahlen zu gewinnen? Da wird es noch eine Zuspitzung geben in den nächsten Monaten, erklärte Müntefering und nahm schon mal die Kanzlerin ins Visier. Vor allem ihre angebliche Führungsschwäche. Sie sei in strittigen Situationen nicht in der Lage, deutlich zu machen, wer das Sagen hat: "Man kann nicht immer nur Meinung organisieren, sondern man muss irgendwann auch mal zeigen, was man selbst meint, was die Richtung ist." Die Union habe momentan strukturelle und inhaltliche Probleme: "Die haben keine Fahne mehr, hinter der die Truppe sich versammelt."

Die Sozialdemokraten könnten dem Superwahljahr daher gelassen entgegensehen. Klar, im Bund sei die Sache noch längst nicht gewonnen, "aber sie neigt sich mehr und mehr dahin, dass Schwarz-Gelb keine Mehrheit bekommen wird". Und es dann eine Ampel geben könnte.

Und im Saarland? Wo es gegen eine starke CDU und einen starken Lafontaine geht? Wieder: Gelassenheit. "Die Saar-SPD ist gut drauf", sagte Müntefering, "da ist viel drin für uns."

Zur Person

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Franz Müntefering (69) trat mit 26 Jahren in die SPD ein. Nach kommunalpolitischen Erfahrungen daheim im Sauerland saß der gelernte Industriekaufmann 1975 erstmals im Bundestag. Erst in den 90er Jahren begann sein Aufstieg. Von 2004 bis 2005 war er SPD-Bundesvorsitzender, ein Amt, das er nach einer Pause seit Herbst 2008 erneut innehat. Von 2005 bis 2007 war der Witwer und Vater zweier Töchter Vizekanzler und Arbeitsminister. red