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Frankreich stellt Maria und Josef vor Gericht

Frankreich stellt Maria und Josef vor Gericht

Das oberste Verwaltungsgericht entscheidet morgen, ob in Frankreich Weihnachtskrippen in Rathäusern aufgestellt werden dürfen. Der Streit um die Heiligenfiguren tobt seit Jahren und wird vor allem vom Front National ausgenutzt.

Die ersten Weihnachtsdekorationen hängen schon, die Adventskalender füllen die Regale der Supermärkte. Die vorzeitig ausgerufene Vorweihnachtszeit richtet den Blick auch auf Maria, Josef und Jesus. In Frankreich gilt das Interesse allerdings eher den Figuren aus Holz als der Geschichte, die dahinter steht. Darf im Rathaus eine Krippe stehen? lautet die Frage, mit der sich heute der Staatsrat beschäftigt. Das oberste Verwaltungsgericht soll mit seinem Urteil eine Debatte beenden, die seit Jahren andauert.

Die seit 1905 geltende strenge Trennung von Kirche und Staat erlaubt keine religiösen Symbole in öffentlichen Gebäuden. Im Namen der Laizität wurde deshalb 2004 das Kopftuch an Schulen verboten. Sind nun Ochs und Esel dran? Oder gehören sie zum Kulturgut, wie die staatliche Beobachtungsstelle für Laizität meint? Die Laizität müsse eine "befriedende Dimension" haben, mahnte die Berichterstatterin des Staatsrates, Aurelie Brétonneau, vor zwei Wochen. "Wir glauben nicht, dass das spannungsgeladene Umfeld der Laizität dazu führen muss, die Krippe grundsätzlich zu verurteilen", erklärte die Juristin. Dass der Staatsrat auf Toleranz setzt, hatte das Gremium im August gezeigt. Da kippten die Richter das Verbot des Burkini, das mehrere Gemeinden für ihre Strände verhängt hatten. Der Staatsrat sah im Bann des Ganzkörperbadeanzugs die "grundlegenden Freiheiten" verletzt.

"Man kann sich schlecht vorstellen, dass der Staatsrat zwei Monate vor Weihnachten die Krippen in öffentlichen Gebäuden verbietet, nachdem er Ende August de facto den Burkini am Strand erlaubt hatte", schreibt "Libération". Zu den Krippen in Rathäusern hatten im vergangenen Jahr zwei Verwaltungsgerichte unterschiedliche Urteile gefällt. In Nantes erlaubten die Richter die Darstellung der heiligen Familie, in Paris dagegen nicht. Bretonneau empfahl, beide Urteile aufzuheben und jeweils von Fall zu Fall zu entscheiden. Wenn die Figuren nur vorübergehend aufgestellt würden und keine "religiöse Bekehrung" damit verbunden sei, sei dagegen nichts einzuwenden. Die Juristin warnte aber davor, Krippen auch dort einzuführen, wo es vorher keine Tradition gegeben habe. Wer also meint, mit Maria und Josef gegen Muslime agitieren zu können, kommt damit nicht durch. Den Kulturkampf um die Krippe fischt vor allem der rechtspopulistische Front National aus, dessen Bürgermeister 2015 demonstrativ Krippen in ihren Rathäusern aufstellten. "Widerstand" lautete das Schlagwort, mit dem sie ihre Aktion verteidigten. Die katholische Kirche sieht den angeblichen Glaubenseifer der Partei misstrauisch. "Eines der grundlegenden Ereignisse des Christentums wird zur Folklore degradiert, die von einigen Politikern ausgenutzt wird", warnte der Pfarrer Pierre Vivarès.

Meinung:

Jetzt ist Toleranz gefragt

Von SZ-Korrespondentin Christine Longin

Laizität ist eigentlich ein gutes Prinzip in einem Land, das die größte muslimische und die größte jüdische Gemeinde Europas hat. Doch die strenge Trennung von Kirche und Staat macht Frankreich inzwischen lächerlich. Seit Jahren wird über die Präsenz von kleinen Holzfiguren gestritten. Nun entscheidet sogar das oberste Verwaltungsgericht, ob Maria und Josef im Rathaus stehen dürfen. Mit christlichem Glauben hat das nur wenig zu tun. Eher schon mit dem Wahlkampf in Frankreich. In dem ist die heilige Familie zum Bollwerk gegen den Islam geworden. Dabei ist in einem Land, in dem religiöse Spannungen zunehmen, vor allem Toleranz gefragt.