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Flüchtlingsdrama überschattet Wahl

Flüchtlingsdrama überschattet Wahl

Erdogans Sieg bei der türkischen Präsidentenwahl erscheint sicher. Doch der Syrien-Konflikt sorgt für wachsende Unruhe bei den Wählern. Und manch einer davon will Erdogan dafür bei der Wahl die Quittung präsentieren.

Kadir Sengir packt die Pralinen aus. Gerade ist eine neue Lieferung eingetroffen im Laden des Süßwarenhändlers in Gaziantep im Südosten der Türkei. Sengir hat die Ware für den Bayram eingekauft, das dreitägige Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan , wenn sich die Türken mit vielen Süßigkeiten nach dem wochenlangen Verzicht belohnen. Eigentlich Hochsaison für einen Pralinenverkäufer. Aber Festtagsstimmung verbreitet Sengir nicht gerade. Er ist sauer auf die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, die so viele syrische Flüchtlinge ins Land gelassen hat. Und deshalb will er es Erdogan zeigen, bei der Präsidentenwahl am 10. August.

Mürrisch reißt Sengir mit seinen massigen Händen die Pralinenpackungen aus den Kartons und stapelt sie im verspiegelten Regal hinter der Theke. Dann zeigt er auf seine Kasse, in der nur ein paar zerkrumpelte Lirascheine liegen. "Ich brauche tausend Lira Umsatz am Tag, um über die Runden zu kommen", sagt er. Das sind rund 350 Euro. "Heute sind's bis jetzt gerade einmal 150 Lira." Dabei betreibt Sengir sein Geschäft in bester Lage an der Inönü Caddesi, einer normalerweise belebten Einkaufsstraße von Gaziantep . "Schauen Sie doch mal raus, da ist kein Mensch", schimpft Sengir. Der Grund sind die Syrer, da ist er sich sicher. "Die klauen und betteln. Ich lasse meine kleine Tochter nicht mehr allein auf die Straße." In Gaziantep , einer Stadt von 1,5 Millionen Menschen, leben geschätzte 200 000 Syrer, die Grenze verläuft nur 60 Kilometer südlich von hier.

Insgesamt hat die Türkei rund 1,1 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen, seit im Frühjahr 2011 der Aufstand gegen Baschar al-Assad beim südlichen Nachbarn losbrach. Nur etwa 20 Prozent von ihnen leben in den gut organisierten Flüchtlingslagern, die Erdogans Regierung bauen ließ.

Weltweit gibt es viel Anerkennung für die Aufnahmebereitschaft der Türken, doch bei Leuten wie Sengir gärt es. Sie erzählen von Kindern, die von Syrern vergewaltigt worden sein sollen. "Wir trauen uns nicht mehr raus", sagt eine Frau in Gaziantep . In der Stadt sind viele Autos mit syrischen Kennzeichen unterwegs, in manchen Straßen haben fast alle Läden arabische Schilder über der Tür. Die Nachfrage durch die Neuankömmlinge lässt in Gaziantep und anderswo die Mieten steigen, weil sich reiche Syrer teure Wohnungen leisten können, und die Löhne fallen, weil sich arme Syrer weit unter dem türkischen Mindestlohn als Bauarbeiter und Tagelöhner verdingen. In den ersten Jahren des Syrien-Konfliktes herrschten bei den Türken noch Mitleid und Hilfsbereitschaft den Gästen aus dem Bürgerkriegsland gegenüber - inzwischen weicht die Sympathie immer häufiger offener Feindseligkeit.

In Gaziantep musste die Polizei vor ein paar Wochen einen syrischen Autofahrer vor einem türkischen Lynchmob retten. Der Syrer hatte eine türkische Frau und ihr Kind angefahren. Die wütende Menge zertrümmerte die Scheiben des syrischen Autos. "Die Türkei gehört uns", skandierten die Angreifer. Die Behörden in der Stadt verboten kurz darauf eine geplante Protestkundgebung gegen die Syrer.

Viele in der Stadt hätten so die Nase voll von den Flüchtlingen, "dass es bald eine Explosion geben könnte", sagt Kleinhändler Abdullah Korkmaz. "Wenn sich die Türken in Deutschland so aufführen wie die Syrer hier, dann schmeißt sie raus." Er hat beobachtet, dass kaum noch geheiratet wird in seiner Bekanntschaft: Junge Brautleute können sich keine Wohnung mehr leisten. Viele Syrer dagegen schon, sagt er: "Wir sind Fremde im eigenen Land geworden."