Fit bis ins hohe Alter

Die meisten Menschen in Deutschland sind mit ihrer Gesundheit zufrieden. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Die Zahl der Übergewichtigen ist nahezu konstant, und es gibt deutlich mehr Fettleibige.

Wer in der vergangenen Woche Renate Recknagel bei den Deutschen Turn-Meisterschaften der Senioren gesehen hat, bekam einen Eindruck davon, wie fit man im Alter sein kann. In Schwetzingen gewann die 72-Jährige wieder einmal souverän den Geräte-Vierkampf. Sicherlich ist Frau Recknagel in dieser Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, doch sie steht auch für einen Trend, wie eine aktuelle Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) ergibt.

Demnach fühlen sich drei Viertel der Bundesbürger fit. Sogar bei den Menschen über 70 Jahren schätzt mehr als die Hälfte die eigene Gesundheit als gut oder sehr gut ein. Gerade bei den älteren Menschen spricht RKI-Mitarbeiter Thomas Ziese von einer positiven Entwicklung seit 1998, als die Vorgängerstudie veröffentlicht wurde. In der sogenannten DEGS-Studie (Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland) befragten RKI-Mitarbeiter insgesamt 8152 Erwachsene ab 18 Jahren, wie gesund sie sich fühlten. Die meisten Teilnehmer wurden auch medizinisch untersucht.

Trotz des allgemeinen positiven Trends machen die Ergebnisse auch nachdenklich: Bei vielen Gesundheitsproblemen sehen die Forscher nämlich sogar einen Anstieg.

Die Zahl der Diabetiker ist demnach seit der letzten vergleichbaren Studie aus dem Jahr 1998 gestiegen. Aktuell sind 7,2 Prozent der Menschen zwischen 18 und 79 Jahren zuckerkrank. Binnen zehn Jahren stieg die Zahl der Erwachsenen, bei denen Diabetes diagnostiziert wurde, damit um 38 Prozent. Ein Drittel davon ist allerdings auf die höhere Zahl Älterer zurückzuführen, die generell ein erhöhtes Diabetesrisiko haben.

Ein Risikofaktor für Diabetes ist auch Übergewicht. Die Zahl der Übergewichtigen in Deutschland hat sich laut Studie in den vergangenen Jahren "auf hohem Niveau eingependelt" - 53 Prozent der Frauen und rund 67 Prozent der Männer gelten als übergewichtig. Gestiegen ist ebenfalls der Anteil der stark übergewichtigen, adipösen Menschen. Unter Fettleibigkeit leiden fast ein Viertel der Frauen und Männer. Vor allem junge Männer sind heute öfter stark übergewichtig als noch vor zehn Jahren. Bei den 30- bis 39-Jährigen betrifft dies bereits mehr als jeden Fünften (22 Prozent).

Der Studie zufolge hat ein knappes Drittel der Bundesbürger Bluthochdruck. Entweder der obere, systolische Wert liegt über 140 oder der untere, diastolische über 90. Dieses Resultat gibt zu denken, denn Bluthochdruck - oft als stiller Killer bezeichnet - steigert die Gefahr für viele medizinische Probleme deutlich, etwa für Herzinfarkt und Schlaganfall. Ob der Blutdruck der Bundesbürger auch unabhängig von der Altersstruktur zugenommen hat, verrät die Studie bislang nicht. "Diese Berechnungen sind sehr komplex", sagt Ziese. "Die Auswertungen laufen noch." Das gleiche gilt für psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen. Hier ist zwar die Zahl der Diagnosen eindeutig gestiegen. Ob dies aber eine erhöhte Belastung der Menschen widerspiegelt, sollen weitere Analysen klären.

Erschreckend ist ein anderer Befund der Studie: Wie gesund sich jemand fühlt, hängt stark von der sozialen Schicht ab. Menschen mit geringem Einkommen sind anfälliger für fast alle Erkrankungen - von Diabetes und Bluthochdruck über Herzinfarkt und Schlaganfall bis zu psychischen Störungen.

Die Gründe für diese Schieflage spiegeln für Ziese nicht nur individuelles Verhalten wider, sondern vor allem auch fehlende soziale Möglichkeiten. Beispiel Bewegung: Zwar sind Geringverdiener weniger aktiv als wohlhabende Leute. Aber: "Wenn man in der Nähe viele Grünflächen oder Sportanlagen hat, kann man leichter Sport treiben." Beispiel Übergewicht: Zwar bringen Menschen aus niedrigen Einkommensschichten eher zu viele Pfunde auf die Waage. Aber: "Eine gesunde Ernährung mit Obst und Gemüse kostet mehr als ungesunde Lebensmittel."

Ob Renate Recknagel viele Sportanlagen in ihrer näheren Umgebung hat, wissen wir nicht. Man muss fast zwangsläufig davon ausgehen. Seit gestern ist sie übrigens wieder auf Titeljagd: bei der ersten Turn-Europameisterschaft der Senioren in Bremen.

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HintergrundNeben den Erkrankungen wurden in der Studie des Robert-Koch-Instituts auch viele weitere Themen aufgegriffen, die das Leben vieler Menschen mit bestimmen. Dazu einige Ergebnisse: Mehr als jeder Zehnte in Deutschland ist stark stressbelastet: Frauen geben mit 13,9 Prozent noch deutlich häufiger als Männer (8,2 Prozent) eine starke Belastung durch Stress an. Die Bedeutung von chronischem Stress als Gesundheitsrisiko ist offensichtlich: Menschen mit einer starken Belastung durch chronischen Stress sind häufiger depressiv, haben ein Burnout-Syndrom oder Schlafstörungen. Durch Umweltlärm fühlt sich in Deutschland ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung belästigt. An erster Stelle steht hier Straßenverkehrslärm, über ein Drittel der Befragten nannte diese Lärmquelle. Durch Nachbarschaftslärm fühlt sich ein gutes Viertel der Menschen gestört und jeder Fünfte berichtet über Fluglärm. red