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Facebook-Nachrichten aus dem Schützengraben

Facebook-Nachrichten aus dem Schützengraben

Mit einem ungewöhnlichen Projekt will das Museum des Ersten Weltkrieges der französischen Stadt Meaux Geschichte lebendig machen: Es hat ein Facebook-Profil für den fiktiven Soldaten Léon Vivien gestaltet, der täglich über seinen Kriegsalltag vor fast 100 Jahren berichtet. Er hat mittlerweile fast 53 000 Fans.

Am 9. Mai 1915 um 15.40 Uhr stellt Léon Vivien ein Foto auf seine persönliche Seite im sozialen Netzwerk Facebook, versehen mit dem bitteren Kommentar: "Wie viele Kerle müssen noch fallen? Wie viele?" Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt tote Soldaten, aufgereiht auf dem Boden liegend. Traurige Front-Realität.

Fast täglich berichtet der 29-jährige Franzose von seinem Alltag als Soldat im Ersten Weltkrieg: Von tödlicher Langeweile und Todesangst, der widersprüchlichen Sehnsucht, seinem Land zu dienen und zugleich möglichst schnell heil nach Hause zu kommen. Zurück zu seiner Frau Madeleine, die soeben einen Sohn zur Welt gebracht hat. Über Facebook hat sie ihm mitgeteilt, dass sie am Morgen des 30. April 1915 entbunden hat: "Ein kleiner Junge, der deine Augen hat."

Léon Vivien ist ein fiktiver Frontsoldat und Held eines aufsehenerregenden Projektes, das das "Musée de la Grande Guerre" ("Museum des Ersten Weltkrieges") des Städtchens Meaux in der Nähe von Paris seit Anfang April durchführt. Offen für jeden Nutzer, der einen Facebook-Zugang hat, zeigt es Kriegsalltag aus der Sicht eines Betroffenen, mit historischen Quellen wie Zeitungsseiten, Fotos und Briefen. Lediglich für die Profilfotos posierten Schauspieler, das übrige Material stammt aus der ehemaligen Privatsammlung des Historikers Jean-Pierre Verney. Viele Informationen aus Léons Leben wurden bewusst unpräzise gehalten, damit er möglichst viele Soldaten repräsentieren kann.

Das Projekt stellt Stimmungen und Gefühle dar, wie ein Soldat sie während der Kämpfe im Ersten Weltkrieg gehabt haben könnte, es macht Geschichte gerade auch für jüngere Generationen nachvollziehbar, lebendig. Fast 53 000 reale Fans zählt die erfundene Figur inzwischen. Dieser Erfolg verblüffe ihn, sagt Museumsdirektor Michel Rouger. "Das Facebook-Profil ist eine originelle Möglichkeit, unsere Sammlungen aufzuwerten." Als pädagogisches Hilfsmittel lasse es sich in den Schulunterricht einbinden.

Fast nebenbei vermittelt das Projekt die Entwicklung des kriegerischen Konfliktes. Am 28. Juni 1914 postet Léon die Nachricht vom Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau bei ihrem Besuch in Sarajevo, das den Ersten Weltkrieg auslöste. Er berichtet vom Ultimatum Deutschlands einige Wochen später, dem Aufruf zur Mobilisation in Paris. Während der Nachbar unter den Klagen seiner zweijährigen Tochter aufbricht, hofft Léon, der von Beruf Lehrer ist, verschont zu bleiben, weil ihn der Militärarzt als "zu mickrig" eingestuft hat.

"Wenn man glaubt, was alle sagen, ist der Krieg spätestens in sechs Wochen zu Ende", schreibt er am 4. August 1914. Doch der Konflikt spitzt sich weiter zu und im November wird er bei einer neuerlichen Untersuchung als tauglich befunden und einberufen. Léon postet Bilder von seiner Ausrüstung, vom Schlafsaal, berichtet von Schussübungen und Gymnastik, so wie heutige Facebook-Nutzer mit Reisen oder Sport prahlen.

"Mein Apollon!", kommentiert Madeleine, die derweil Munition in einer Fabrik herstellt. Doch die Nachrichten werden sorgenvoller und sehnsuchtsvoller. Weihnachten verbringt das Paar getrennt. Im April 1915 erfolgt der Marschbefehl, mit seinen Kameraden durchzieht Léon verwüstete Dörfer, begegnet Leid und Elend. "Ich sage mir, dass man sich in Kriegszeiten an alles gewöhnt. Vor allem an die Allgegenwart des Todes", schreibt er. Ende Mai soll das Projekt enden. Seine zahlreichen Fans hoffen aber, dass Léon überlebt.