EZB-Chef Draghi zündet die „Dicke Berta“

EZB-Chef Draghi zündet die „Dicke Berta“

Die Europäische Zentralbank (EZB) will ihr Programm zum Ankauf von Staatsanleihen starten, um so die Kreditvergabe der Banken anzukurbeln. Die Maßnahme soll die Wirtschaft in den klammen EU-Ländern in Schwung bringen.

Die Wortwahl der Gegner und Befürworter ist längst militärisch geworden. Mit der "Dicken Berta" werde Mario Draghi , der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), heute auf den Finanzmarkt zielen und eine richtige "Bombe" zünden. Tatsächlich hat der 67-jährige Italiener, der seit November 2011 an der Spitze der Frankfurter EZB steht, eine Geldschwemme vor, die ihresgleichen suchen dürfte. Banker schätzen, dass Draghi den Markt mit 500 bis 1000 Milliarden Euro regelrecht fluten könnte. Sein Instrument: Er will Staatsanleihen aufkaufen, die in den Büchern der Banken schlummern, damit die Institute wieder flüssig werden und Kredite an die Realwirtschaft vergeben. Denn ihre Zurückhaltung gilt als eines der wichtigsten Hemmnisse für einen wirtschaftlichen Aufschwung in den Euro-Ländern, die besonders klamm sind. Dazu zählen - ein Zufall? - neben der italienischen Heimat des EZB-Chefs auch Spanien, Portugal, Griechenland, Zypern, Malta und einige andere. Vor allem in Athen hoffen einige, dass die EZB bereits heute und nicht erst nach dem Sonntag aktiv wird, wenn in Griechenland eine neue Regierung gewählt wird. Der in den Umfragen führende Chef des linken Syriza-Bündnisses, Alexis Tsipras , verspricht sich von einem solchen Schritt der Euro-Bank Rückenwind, könnte er seinen Wählern doch zeigen, dass auch mit ihm an der Spitze das Land im Euro-Raum überlebensfähig wäre.

Offiziell begründet der EZB-Chef den Schritt mit dem Versuch, die Währungsunion aus der Deflation zu führen - zuletzt lag die Rate bei minus 0,2 Prozent. Höhere Preise seien gut für die Wirtschaft, wird er nicht müde zu betonen, ohne die Widersacher wie Bundesbank-Chef Jens Weidmann damit überzeugen zu können. Der Deutsche weiß die hiesige Bankenwelt hinter sich: "Die EZB verschießt vorzeitig ihre letzten Patronen", heißt es in einer Erklärung der Kreditwirtschaft. "Das Instrument der Staatsanleihen-Käufe sollte ökonomischen Notlagen vorbehalten sein." Und auch der Deutsche Industrie-und Handelskammertag (DIHK) spricht von einer "hochriskanten Operation mit unsicherer Wirkung für die Preisentwicklung in der Eurozone".

Tatsächlich sind die Auswirkungen umstritten. Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte im Vorfeld, "der Druck auf die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit in Europa muss erhalten bleiben, sonst wird gar nichts, aber auch gar nichts uns helfen", sagte sie. Die Geldschwemme könnte dazu führen, dass sich beispielsweise Rom und Paris sowie weitere Staaten billig mit frischem Kapital eindecken können, was die Bereitschaft zur Umsetzung der dringend notwendigen Reformen verringern dürfte. Ein Effekt, der durch die faktische Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar sogar noch verstärkt werde. Führende Investment-Banken rieten ihren Kunden in den vergangenen Tagen bereits, sich auf einen weiter fallenden Euro-Kurs einzustellen. Die Analysten der Deutschen Bank begründen ihre Befürchtungen mit einer "Kapitalflucht aus der Euro-Zone, die noch nie dagewesene Dimensionen" erreichen könnte.