"Europa könnte ein Hort der Stabilität sein"

Herr Schick, war die Herabstufung der USA gerechtfertigt?Schick: Sie kommt jedenfalls nicht überraschend. Die Entscheidung von Standard & Poor's ist nur der sichtbare Ausdruck einer längeren Entwicklung, nämlich des schleichenden Endes der wirtschaftlichen Hegemonialstellung der USA

Herr Schick, war die Herabstufung der USA gerechtfertigt?Schick: Sie kommt jedenfalls nicht überraschend. Die Entscheidung von Standard & Poor's ist nur der sichtbare Ausdruck einer längeren Entwicklung, nämlich des schleichenden Endes der wirtschaftlichen Hegemonialstellung der USA. Das Fass zum Überlaufen gebracht hat die Kapitulation der US-Regierung vor der marktradikalen Tea-Party-Bewegung, die Steuererhöhungen trotz gigantischer Staatsschulden systematisch blockiert.

Werden die Anleger jetzt massenhaft US-Staatsanleihen abstoßen?

Schick: Nein, das ist anders als bei Griechenland, wo durch die Herabstufungen wegen der Anlage-Richtlinien bei vielen Investoren automatisch Verkäufe ausgelöst wurden. Die USA bleiben trotzdem eine starke Volkswirtschaft, die ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllen kann. Das psychologische Signal aus den USA ist gleichwohl verheerend. Auf jeden Fall wird sich das weltwirtschaftliche Klima verschlechtern.

Und die Politik ist machtlos?

Schick: Nein, gerade die Herabstufung der USA zeigt, welche Rolle Europa jetzt einnehmen muss. In den USA beträgt die Verschuldung mehr als einhundert Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. In der Euro-Zone sind es trotz aller Hiobsbotschaften aus Griechenland oder Italien "nur" 85 Prozent. Das heißt, eigentlich müsste die Euro-Zone jetzt angesichts der US-Situation ein Hort der Stabilität sein.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein.

Schick: Und genau das hat politische Gründe: Die europäischen Staats- und Regierungschefs haben es nicht geschafft, mit einer wirklich gemeinsamen Antwort auf die Schuldenkrise in Europa diesen Vorteil gegenüber den USA auszuspielen. Jeder kocht sein eigenes nationales Süppchen.

Was wäre eine gemeinsame Antwort?

Schick: Die europäische Schuldenlast muss verstärkt europäisch getragen werden. Das geht durch gemeinsame Euro-Anleihen, also Euro-Bonds.

Und die größten Schuldner dürfen weiter machen wie bisher?

Schick: Nein. Auch hier sind Sanktionsmechanismen zwingend notwendig. Außerdem brauchen wir effektive Entscheidungsstrukturen. Es kann doch nicht sein, dass die europäischen Regierungschefs in immer kürzeren Abständen Krisen-Gipfel abhalten und dadurch immer neue Unsicherheiten auslösen. Auf Deutschland übertragen hieße das, wir hätten nur einen Bundesrat, aber keine Bundesregierung. Das kann nicht funktionieren. Notwendig ist, wie von Zentralbank-Chef Trichet vorgeschlagen, ein gemeinsames Finanzministerium für die Euro-Zone.

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