Europa jagt Anis Amri

In Emmerich in Nordrhein-Westfalen wird eine Flüchtlingsunterkunft von der Polizei umstellt, in Düsseldorf ein Kaufhaus. Die europaweite Jagd auf Anis Amri ist in vollem Gange. Wer ist der Mann, der im Verdacht steht, am Montagabend den Lastwagen auf den Berliner Weihnachtsmarkt gelenkt und so zwölf Menschen getötet sowie rund 50 verletzt zu haben?

Noch ist vieles unklar. Als der Tunesier zur Fahndung ausgeschrieben wird, sind knapp 48 Stunden nach dem Anschlag vergangen. Der 24 Jahre alte Anis Amri stehe unter dringendem Tatverdacht, teilt der Generalbundesanwalt in Karlsruhe mit. Er könne gewalttätig und bewaffnet sein, warnen die Ermittler . Für Hinweise auf den Mann wird eine Belohnung von bis zu 100 000 Euro ausgesetzt.

Auf die Spur des Tunesiers kamen die Ermittler , weil Amris Papiere im Fußraum des Lastwagens lagen, der für den Anschlag benutzt wurde. Entscheidend ist nun, wie sie dorthin kamen: Wurden sie - quasi als Bekenntnis - absichtlich dorthin gelegt? Verlor Amri sie im Kampf mit dem polnischen Lastwagenfahrer? Wurden sie gestohlen und dort platziert, um eine falsche Fährte zu legen? "Die Tatbeteiligung ist überhaupt nicht geklärt", sagt Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD ).

Klar ist allerdings, dass der Gesuchte den Behörden bereits bekannt war - und abgeschoben werden sollte. Amri kam im Juli 2015 nach Deutschland. Er sei "hochmobil" gewesen, berichtet Jäger. Der Tunesier tauchte zunächst in Freiburg in Baden-Württemberg auf, dann in Nordrhein-Westfalen und Berlin - dort habe er seit Februar 2016 überwiegend gelebt. Sein Asylantrag war im Juni dieses Jahres vom zuständigen Bundesamt abgelehnt worden, die Behörden im nordrhein-westfälischen Kleve betrieben seine Ausweisung. "Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte", sagt Jäger. Tunesien habe zunächst bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele.

Die Fahndung nach dem Mann dürfte nun schwierig sein, denn er hat mehrere Gesichter. Dem Geburtsdatum zufolge, das für ihn angegeben ist, wird Amri heute 24 Jahre alt. Er verwendete allerdings im Laufe seines Wegs durch Deutschland mehrere Alias-Namen und wurde von mehreren Behörden als islamistischer Gefährder beobachtet. Gegen Amri wurde bereits früher wegen Terrorverdachts ermittelt. Nach Angaben der Berliner Justiz wurde er bis September observiert. Der Verdacht: Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat. Das Verfahren wurde mangels Anhaltspunkten eingestellt. Amri hat laut Jäger Kontakt zur radikal-islamistischen Szene gehabt. Medien berichteten von Bezügen zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Hildesheimer Salafisten-Predigers Abu Walaa.

Zu dem Anschlag bekannt hat sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Allerdings gibt es Zweifel an der Behauptung. Ungewöhnlich ist etwa, dass das Bekenntnis kam, noch ehe der Angreifer gestellt wurde. Ist Amri also ein IS-Kämpfer? Auch das ist unklar. Tunesische Anti-Terror-Ermittler befragten gestern die Familie des Verdächtigen. Am Abend berichteten italienische Medien, dass Amri bis 2015 vier Jahre in Italien im Gefängnis gesessen haben soll, wegen Straftaten in einem Flüchtlingslager.

Die Fahnder sehen unterdessen auffällige Parallelen zum Fall von Tarik B. Der Tunesier war im Alter von 24 Jahren im vergangenen Januar in Paris von der Polizei erschossen worden, als er Polizisten mit einem Schlachterbeil und dem Ruf "Allah ist groß" angriff. Der Asylbewerber kam damals aus einer Unterkunft in Recklinghausen. Er hatte in sieben europäischen Ländern Asylanträge gestellt und 20 Identitäten benutzt.

Immer wieder Tunesien: Das Land ist in den vergangenen Jahren einerseits zu einer Basis für Dschihadisten, andererseits aber auch zum Ziel für Terroristen geworden. Die meisten ausländischen Extremisten, die sich Terrorgruppen in Syrien, dem Irak und Libyen angeschlossen haben, kommen aus dem nordafrikanischen Land. Nach Schätzungen kämpfen zwischen 6000 und 7000 Tunesier aufseiten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) oder des Terrornetzwerks Al Qaida. Radikale Ideen finden in Tunesien immer größeren Anklang - auch weil viele Jugendliche nach den arabischen Aufständen von 2011 enttäuscht vom Staat sind. Gerade in ländlichen Gebieten und in den Vororten haben radikale Prediger Zulauf.

Auch mehrere Terroristen , die mit den jüngsten Anschlägen in Europa in Verbindung gebracht wurden, waren gebürtige Tunesier, darunter der Attentäter von Nizza, der einen Lastwagen in eine Menschenmenge steuerte - dasselbe Grauen wie am Montagabend in Berlin.