"Es war knapp, wirklich knapp"

Polizeischutz, Anfeindungen, Morddrohungen: Für Kurt Westergaard hat sich vor gut vier Jahren das Leben dramatisch verändert. Damals hat er den Propheten Mohammed als finsteren Gesellen mit gezündeter Bombe im Turban gezeichnet. Seine Meinung geändert hat der heute 74-Jährige seitdem nicht. "Ich bin zu alt und starrköpfig, um mich noch zu beugen

Polizeischutz, Anfeindungen, Morddrohungen: Für Kurt Westergaard hat sich vor gut vier Jahren das Leben dramatisch verändert. Damals hat er den Propheten Mohammed als finsteren Gesellen mit gezündeter Bombe im Turban gezeichnet. Seine Meinung geändert hat der heute 74-Jährige seitdem nicht. "Ich bin zu alt und starrköpfig, um mich noch zu beugen." Und auf Fragen nach dem Hintergrund für seine Karikatur und elf weitere Mohammed-Zeichnungen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" antwortete er einst mit klaren Worten: "Es muss wohl richtig sein, dass man eine der fürchterlichsten Bedrohungen auf der Welt kommentiert."

Seine Kommentare hätte er nun beinahe mit dem Leben bezahlen müssen. Nur um Haaresbreite entkam Westergaard am Neujahrsabend dem Anschlag eines mutmaßlichen Islamisten. Inzwischen wurden weitere Einzelheiten über den 28 Jahre alten Mann aus Somalia bekannt, der mit Axt und Messer bewaffnet in das Haus des Zeichners gestürmt war und lauthals "Blut" und "Rache" gefordert hatte. Nach jüngsten Angaben des dänischen Geheimdienstes PET hatte die Tat einen terroristischen Hintergrund, auch wenn es so ausgesehen haben mag, als habe der 28-Jährige allein gehandelt. Der Somalier habe Verbindungen zu den radikal-islamischen Al-Shabaab-Milizen und zur Führung des Terrornetzwerkes Al Qaida in Ostafrika gehabt. Geheimdienstchef Jakob Scharf stufte den Vorfall als "sehr schwerwiegend" ein.

Nach Presseberichten soll der Angreifer vor wenigen Monaten mit Anschlagsplänen gegen US-Außenministerin Hillary Clinton in Verbindung gebracht und deshalb in Kenia festgehalten worden sein. Er sei bei einer Razzia festgenommen worden und habe sieben Wochen in Haft verbracht. Mangels ausreichender Beweise sei er im September freigelassen worden und dann nach Dänemark zurückgekehrt, berichtete die Zeitung "Politiken". "Geheimdienstquellen" hätten entsprechende Berichte der kenianischen Presse bestätigt, wonach die Festnahme in Verbindung mit Anschlagsplänen gestanden habe. Dem widersprach der dänische Botschafter in Kenia im Sender TV2 News: Der Mann habe lediglich Probleme mit seinen Reisedokumenten gehabt, sagte er.

Westergaard überlebte möglicherweise nur, weil er sich rechtzeitig in einen speziell gesicherten Raum ("panic room") retten und von dort aus die Polizei alarmieren konnte. Während er auf die Sicherheitskräfte gewartet habe, habe der Angreifer gegen die Tür gehämmert. "Es war grauenhaft", schilderte Westergaard das Drama. "Es war knapp, wirklich knapp." Mehr als um alles andere habe er sich Sorgen um seine fünf Jahre alte Enkelin gemacht, die zu der Zeit auch im Haus gewesen sei: "Aber ihr ist nichts passiert."

"Panikraum" als Rettung

Als die Polizei das Haus des Zeichners in der Nähe von Århus am späten Freitagabend erreichte, warf der Somalier seine Axt auf einen der Beamten. Daraufhin gaben die Polizisten Schüsse auf Hand und Knie des Angreifers ab. Auf einer Trage wurde der Mann am Samstag zu einem Haftrichter gebracht. Dieser ordnete an, dass der 28-Jährige bis zum 27. Januar hinter Schloss und Riegel bleiben soll, davon die ersten zwei Wochen in Isolationshaft. Die Justiz wirft ihm versuchten Mord an Westergaard und an einem Polizisten vor. Der Beschuldigte wies die Vorwürfe zurück, gab aber zu, im Haus des Karikaturisten gewesen zu sein. Fahnder durchsuchten inzwischen die Wohnung des Festgenommenen in einem Kopenhagener Vorort nach möglichen Anhaltspunkten für die Tat. Auch in Aalborg nördlich von Århus, wo der 28-Jährige Kontakte gehabt haben soll, ermittelte die Polizei.

Westergaard wurde noch in der Nacht an einen sicheren Ort gebracht. Die Bodyguards, die den Karikaturisten seit Jahren bewachen, sobald er das Haus verlässt, werden künftig möglicherweise rund um die Uhr eingesetzt, sagte Geheimdienstchef Scharf.

Nach dem versuchten Mordanschlag auf Westergaard rechnet die Regierung in Kopenhagen derweil mit weiteren Angriffen von Islamisten. "Die Terrordrohungen werden nicht aufhören, solange es das Netzwerk Al Qaida gibt", sagte Außenminister Per Stig Møller der Zeitung "Berlingske Tidende". Dänemark werde vermutlich noch lange mit der Terrorgefahr leben müssen.

Hintergrund

Karikaturen des Propheten Mohammed von Kurt Westergaard und anderen Zeichnern führten Anfang 2006 zu gewaltsamen Protesten in islamischen Ländern. Die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" hatte die Zeichnungen, die Mohammed unter anderem mit einer Bombe im Turban darstellten, im September 2005 veröffentlicht. Der geballte Unmut brach aber erst aus, als die norwegische Zeitung "Magazinet" diese 2006 nachdruckte.

Empörte Muslime verwiesen auf das Verbot, den Propheten bildlich darzustellen, und sprachen von Blasphemie. "Jyllands-Posten" schrieb, auch Muslime müssten sich damit abfinden, "verhöhnt und verspottet zu werden". Obwohl sich die Zeitung zu diesem Zeitpunkt schon entschuldigt hatte, zündeten wütende Muslime im Februar unter anderem in Syrien und im Libanon dänische Vertretungen an. Al Qaida bekannte sich zu einem Anschlag auf die dänische Botschaft in Pakistan im Sommer 2008.

Bei den Unruhen und Anschlägen gab es insgesamt mehr als 150 Tote. Schon im Februar 2008 waren Mordpläne gegen den Karikaturisten Westergaard aufgedeckt worden. dpa

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