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"Es war ein großes Glücksspiel"

"Es war ein großes Glücksspiel"

Das Foto ging um die Welt. US-Präsident Barack Obama im abhörsicheren "Situation Room" im Weißen Haus, umringt von Vertrauten, den Blick starr auf eine Videoleinwand gerichtet. Der Friedensnobelpreisträger Obama ist live dabei, wie Spezialeinheiten tausende Meilen entfernt in Pakistan Terrorchef Osama Bin Laden töten

Das Foto ging um die Welt. US-Präsident Barack Obama im abhörsicheren "Situation Room" im Weißen Haus, umringt von Vertrauten, den Blick starr auf eine Videoleinwand gerichtet. Der Friedensnobelpreisträger Obama ist live dabei, wie Spezialeinheiten tausende Meilen entfernt in Pakistan Terrorchef Osama Bin Laden töten. "We got him" (Wir haben ihn), sagte Obama nach der Aktion - Worte wie aus einem Hollywood-Thriller. Die tödlichen Schüsse heute vor einem Jahr (10.11 Uhr MESZ) feierten die USA wie eine Sternstunde der Nation - als ultimativen Sieg gegen das Böse.Osama Bin Laden tot - es war ein Triumph, auf den Amerika fast zehn Jahren gewartet hatte. Noch in der Nacht versammelten sich die Menschen vor dem Weißen Haus, in New York strömten Demonstranten zum Ground Zero. 3000 Menschen waren hier am 11. September 2001 ums Leben gekommen. Ein alter Mann mit langem Bart und Pluderhosen hatte die stärkste Nation der Welt im Mark erschüttert. "Fuck Bin Laden", skandierte ein Mann in New York - es ist die schiere Erleichterung, die sich hier Luft macht. Wie die Erlösung aus einem Alptraum.

Geschickt nutze Obama die Gunst der Stunde. Hardliner aus dem Republikanerlager hatten ihn immer wieder verdächtigt, ein "Weichei" zu sein. Nun hatte er geschafft, woran sein Vorgänger George W. Bush gescheitert war. "Der Gerechtigkeit ist genüge getan", verkündete ein ernster, doch sichtlich selbstgewusster "Commander in Chief" der Nation. Das waren starke Worte. Worte, wie sie die Amerikaner lieben. "Bin Laden war kein muslimischer Führer, er war ein Massenmörder von Muslimen."

In bester PR-Manier streuten Weißes Haus und Pentagon Informationen über die Killer-Aktion. Peu à peu wurden die Details an die Öffentlichkeit gelassen. Die Blitzaktion auf Bin Ladens Anwesen habe ganze 40 Minuten gedauert, mit zwei Helikoptern seien die Elitetruppen der Navy Seals angerückt, Bin Laden sei von diversen Ehefrauen umgeben gewesen. Die "Seals" hätten sofort das Feuer eröffnet - Gefangene seien nicht geplant gewesen.

Ausführlich lud das Weiße Haus zum Blick hinter die Kulissen der Macht ein. Wochenlang sei die Aktion geplant gewesen, Vertraute hätten Obama abgeraten. Das Risiko sei zu hoch. Zeitweise sei eine massive Bombardierung des Verstecks erwogen worden - doch dann hätte man keine Leiche gehabt. "Es war ein großes Glücksspiel", so Obama im Rückblick. Er war es letztlich, der das Risiko auf sich nahm.

Fotos von der Leiche des Terrorchefs gab das Weiße Haus aber nicht frei, um kein Propagandamaterial zu schaffen, wie es damals hieß. Stattdessen ruinierte Obama das Bild Bin Ladens für die Nachwelt durch Veröffentlichung eines Videos, das einen fast bemitleidenswerten Mann zeigt, der grau und gebeugt mit einer Decke um die Schultern und einer Wollmütze in einem schäbigen Raum sitzt und Fernsehen guckt. Auch sonst hat sich Nobelpreisträger Obama in vielfacher Hinsicht als knallharter und unerschrockener Kämpfer gegen den Terror präsentiert. Massiver Beschuss mit Kampfdrohnen in Pakistan, gezielte Tötung von Terroristen weltweit, selbst dann, wenn es sich um US-Bürger handelt - manche Demokraten hatten sich das etwas anders vorgestellt.

Hinzu kommt der Makel Guantánamo. Vollmundig hatte Obama einen Tag nach Amtsantritt per Dekret bestimmt, dass das weltweit kritisierte Lager auf Kuba geschlossen werden soll - um später sang- und klanglos davon abzurücken. Ein Jahr nach Bin Ladens Tod hofft Barack Obama nun im Wahlkampf auf die politische Dividende.

"Der Oberbefehlshaber erhält eine Chance, die richtige Entscheidung zu treffen", beginnt ein Internetvideo, das Obamas Wahlkampfteam vor wenigen Tagen veröffentlichte. Darin preist der frühere Präsident Bill Clinton die Courage seines Nachfolgers. Dann stellen die Macher des Videos die Gretchenfrage: Wie hätte Mitt Romney in dieser Situation gehandelt, der wahrscheinlich für die Republikaner bei der Wahl am 6. November gegen Obama antreten wird? Die Antwort folgt in Form einer Aussage, mit der Romney vor vier Jahren in US-Medien zitiert wurde: "Es lohnt sich nicht, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen und Milliarden von Dollar auszugeben, nur um eine Person zu fangen."