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Erfolg eines bodenständigen Strategen

Erfolg eines bodenständigen Strategen

Michael Müller kann in Berlin weiter regieren. Der Nachfolger von Klaus Wowereit muss allerdings eine neue Koalition schmieden: Rot-Rot-Grün in der Hauptstadt gilt nach dem gestrigen Abend als ausgemacht.

Wenn Berlins Regierungschef lächelt, ziehen sich seine dünnen Lippen zu einer langen, fast schnurgeraden Linie. Er lacht eher mit den Augen. Überhaupt trägt Michael Müller (SPD ) seine Emotionen im Gesicht. Wenn er unter Druck steht, verrät ihn das. Schmallippigkeit werfen ihm die Leute dann vor, nicht nur im wörtlichen Sinn. Das weiß der 51-Jährige - aber so sei er nun mal, sagt er dann, natürlich, bodenständig, ungeschminkt.

Mit dieser Bodenständigkeit kokettiert Berlins Regierender Bürgermeister bisweilen selbst. Im Amt ist er schon seit 2014, als sein Vorgänger Klaus Wowereit zurücktrat. Jetzt, nach zwei Jahren, hat er ein eigenes Mandat als Regierender Bürgermeister von Berlin . Mit unter 22 Prozent erreichte seine SPD zwar gestern ein enttäuschendes Ergebnis. Doch fast sicher ist: Müller, der bislang mit der CDU regierte, wird künftig Chef eines rot-rot-grünen Senats.

Müller erlebt am Wahlabend Sieg und Niederlage zugleich. "Wir haben für mehr gekämpft", räumt er ein. Noch nie hat eine Partei in Deutschland mit so wenig Zustimmung eine Landtagswahl gewonnen. Doch gewonnen hat sie immerhin. Die wahre Herausforderung steht ihm jetzt bevor: Deutschlands Hauptstadt steuert auf eine linke Landesregierung zu. In der konservativen Opposition: neben CDU und FDP eine starke AfD. Diese Konstellation würden auch die Bundesparteien genau beobachten. Im Bund wird 2017 gewählt. Und nicht wenige bei SPD , Grünen und Linken liebäugeln mit einem rot-rot-grünen Bündnis. Andere halten das für gefährlich, gilt es doch als Zusammenschluss, in dem öfter mal die Fetzen fliegen dürften. Die Linke sieht sich auf Augenhöhe mit den anderen, sie verzeichnete als einzige der großen Parteien Stimmengewinne.

Die bisherigen Berliner Regierungsparteien SPD und CDU wurden gestern vom Wähler kräftig abgestraft. "Das ist kein guter Tag für die Volksparteien", resümiert CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel , dessen Partei mit rund 18 Prozent ihr schlechtestes Berlin-Ergebnis seit Gründung der Bundesrepublik einfährt. Zu groß waren Probleme und Skandale: Nach dem verpatzten Flughafenbau kam das Versagen in der Flüchtlingskrise. Die emotionalen Fotos vom Berliner Flüchtlingsamt zeichneten international ein neues Deutschland-Bild. Chaos in den Bürgerämtern, kaputte Schulen - die Wähler hatten genug von Rot-Schwarz.

SPD und CDU rutschen beide im Vergleich zu 2011 um über fünf Prozentpunkte ab. Vor allem Henkel muss sich nach dem historisch schlechten Ergebnis Fragen nach seiner politischen Zukunft gefallen lassen. Am Wahlabend sagt er deutlich: "Ich trete nicht zurück." Doch seine CDU hat die Mitte-Wähler enttäuscht, weil sie als Juniorpartner in der Regierung zu wenig bewegte. Einige zog es zur wiederbelebten FDP , den konservativen Rand zur AfD.

Die fühlt sich auch in Berlin als Gewinner. Zwar bleiben die Rechtspopulisten in der traditionell linker orientierten Hauptstadt schwächer als zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern, werden nur fünftstärkste Kraft und fahren zudem wohl ihr schlechtestes Landtagswahl-Ergebnis in diesem Jahr ein. Doch rund 14 Prozent sind für die Rechtspopulisten ein Erfolg. Dazu, das sollte erst in der Nacht klar werden, könnten Stadtrats-Posten in den Stadtbezirken und damit erstmals echte Verantwortung kommen.

Das hatte Müller eigentlich mit aller Kraft zu verhindern versucht. Ein starkes AfD-Ergebnis in Berlin werde auf der ganzen Welt als Zeichen des Wiederaufstiegs von Rechten und Nazis in Deutschland gewertet werden, hatte der 51-Jährige gewarnt. Nach seiner ersten Wahl als Spitzenkandidat wollte der SPD-Chef eigentlich mit den Grünen regieren. Doch für ein Zweierbündnis - egal welches - reicht es nicht.