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Entschuldigung nach Gutsherrenart

Entschuldigung nach Gutsherrenart

Es sollte ein Befreiungsschlag werden. Gestern Mittag erklärte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, dass er Fehler in seiner Doktorarbeit bedauere, aktiv an einer Überprüfung durch die Universität Bayreuth mithelfen werde und bis zur Klärung auf das Führen seines Titels verzichte. "Nur bis dahin", fügte er hinzu

Es sollte ein Befreiungsschlag werden. Gestern Mittag erklärte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, dass er Fehler in seiner Doktorarbeit bedauere, aktiv an einer Überprüfung durch die Universität Bayreuth mithelfen werde und bis zur Klärung auf das Führen seines Titels verzichte. "Nur bis dahin", fügte er hinzu. Jede weitere Kommunikation über dieses Thema werde er ausschließlich mit der Universität führen, denn er müsse sich um sein "forderndes" Ministeramt kümmern. Nachfragen waren nicht zugelassen. Doch der Befreiungsschlag misslang. Im Laufe des Tages verschärfte sich die Debatte, was auch mit den Umständen der Erklärung zu tun hatte.Zum einen war überdeutlich, dass Guttenberg offenbar auf Druck der Kanzlerin handelte. Diese hatte ihn am Vorabend zu einem Krisengespräch ins Kanzleramt gebeten. Beim Betreten wurde Guttenberg offenbar ungewollt gefilmt, so dass sich die Nachricht schnell verbreitete. Später wurde von ungenannter Seite in Berlin erklärt, Angela Merkel werde dem Minister Rückendeckung geben, erwarte aber, dass dieser sich zu den Vorwürfen erkläre. Guttenberg sah sich genötigt, seinen Auftritt mit dem Satz "Für diese Stellungnahme bedurfte es keiner Aufforderung und sie gab es auch nicht" zu beginnen.

Zum anderen brüskierte Guttenberg die Presse. Er rief für seine Erklärung einige Kamerateams genau in jenem Moment in sein Ministerium, als gerade die routinemäßige Bundespressekonferenz zwei Kilometer entfernt im Regierungsviertel begann. Sein Sprecher Steffen Moritz löste dort bei den zahlreich erschienenen Journalisten Tumulte aus, als er sagte, der Minister äußere sich gerade woanders; er könne daher leider nichts sagen. Viele Korrespondenten warfen Moritz daraufhin vor, der Minister sei "feige" und weiche kritischen Fragen aus. Der Vorsitzende der Bundespressekonferenz nannte das Vorgehen "nicht fair". Als Regierungssprecher Steffen Seibert mit der Bekanntgabe der Kanzlerin-Termine der nächsten Woche begann, verließen die meisten Pressevertreter demonstrativ den Saal. Einen derartigen Eklat hat es bei der Hauptstadtpresse noch nicht gegeben. Am Nachmittag entschuldigte sich Guttenberg per Brief und sprach von einem durcheinander geratenen Zeitplan.

In Koalitionskreisen zeigte man sich entsetzt, das Wort "Desaster" war zu hören. "Das wird nicht ausreichen, den Feuersturm zu löschen", hieß es bei der Union. Guttenbergs Erklärung sei zwar richtig gewesen, nämlich den Doktortitel ruhen zu lassen und die Aufklärung voranzutreiben. "Jetzt bläst sich die Blase aber wieder auf." Zudem wird dem Minister vorgeworfen, zu spät reagiert zu haben. Gleich am Mittwoch, als die Plagiats-Vorwürfe aufgekommen seien, hätte er sich erklären müssen, statt die Affäre wabern zu lassen, hieß es. "Die Bluthunde haben dann die Fährte aufgenommen." Andererseits ist auf Unionsseite auch von einer Kampagne gegen den Freiherrn die Rede.

Bei der FDP wurde die rhetorische Frage gestellt: "Was wäre eigentlich los, wenn Guido Westerwelle mit so einem Vorwurf konfrontiert wäre?" Allerdings fertigte der Vizekanzler seine Doktorarbeit "Das Parteienrecht und die politischen Jugendorganisationen" Anfang der 90er Jahre an, als das einfache elektronische Kopieren von Textstellen noch nicht möglich war. Falls Guttenberg seinen Doktortitel verliere, so die Einschätzung von Liberalen, wäre er politisch erledigt. "Dann kann er sich nirgendwo mehr blicken lassen." Erwartet wurde allerdings, dass die Union Guttenberg unbedingt halten wolle. "Sie hat keinen anderen für den Job." Auch auf Unions-Seite hieß es, Angela Merkel wolle ihren beliebtesten Minister auf keinen Fall loswerden, denn die Folgen für die Regierung und auch die Union seien dann nur noch schwer zu kontrollieren.

Die Opposition schäumte. "Der heutige Auftritt von Karl-Theodor zu Guttenberg ist eine Brüskierung der Öffentlichkeit und das in einer Form, die wirklich jedes Gefühl für Stil und für Anstand vermissen lässt", so Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Er forderte eine Erklärung des Ministers vor dem Bundestag. Zahlreiche Sozialdemokraten gingen da schon weiter; sie verlangten den Rücktritt: "Guttenberg sollte sich ein Beispiel an seinem Showmaster-Kollegen Thomas Gottschalk nehmen", ätzte SPD-Fraktionsvorstandsmitglied Sebastian Edathy.

Hintergrund

Der Begriff Plagiat ist dem Französischen entlehnt und wurzelt auf dem lateinischen Begriff plagium, zu Deutsch Menschenraub oder auch Seelenverkauf. Er bezeichnet heute jedoch den Diebstahl geistigen Eigentums. Dabei kann es um alle Formen geistiger Arbeit gehen, also etwa um Kunst, Musik, Texte und auch Wissenschaft. Das Plagiat ist allerdings kein juristischer Tatbestand, wie der Münchner Rechtsprofessor Volker Rieble sagt. "Der Plagiatsbegriff ist als nichtrechtlicher Begriff etwas anderes, nämlich die Irreführung des Lesers." Dabei stehe nicht die Schädigung des ursprünglichen Autors im Mittelpunkt, sondern die Täuschung des Lesers. Ein Plagiat beginnt für Rieble in wissenschaftlichen Arbeiten schon bei zwei bis drei wortwörtlich übernommenen Sätzen ohne Verweis auf den Urheber. dpa