Endstation Dschihad

Wie ist der „typische“ Salafist gestrickt? Eher schlicht, sagt Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe. Die Salafisten-Bewegung zieht vor allem gescheiterte Randfiguren an. Zuvorderst ist das ein europäisches Phänomen.

Ihre Hosenbeine enden über dem Knöchel und die Bärte sind lang. Sie pflegen ein schwarz-weißes Weltbild und fühlen sich Andersgläubigen moralisch überlegen. Und damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen westlichen und orientalischen Salafisten . "Das traditionelle orientalische Salafisten-Milieu sieht ganz anders aus als in Europa", sagt Jurist Mathias Rohe, der als Islamwissenschaftler unter anderem den Verfassungsschutz berät.

Seiner Einschätzung nach zieht die Bewegung in Deutschland vor allem gesellschaftliche Randfiguren mit niedrigem Bildungsniveau sowie "gewendete Kleinkriminelle " an. Bei der Analyse von Propaganda-Videos deutscher Salafisten habe er zudem festgestellt: "Von den prominenten Salafisten aus Deutschland kann kaum einer einen geraden Satz reden - und das gilt nicht nur für die Söhne muslimischer Einwanderer, sondern auch für viele deutsche Konvertiten, die sich der Bewegung angeschlossen haben." Im Bürgerkriegsland Syrien würden sie "gerne zu Selbstmordattentaten geschickt, weil sie zu sonst nichts gut sind", sagt Rohe.

In den arabischen Ländern und in der Türkei verfügt das Führungspersonal der Bewegung, die von Saudi-Arabien finanziell unterstützt wird, dagegen in der Regel schon über ein Mindestmaß an Bildung und religiösem Wissen. Anders als in Deutschland, wo sich viele Menschen von Salafisten provoziert fühlen, sind sie dort zum Teil wohlgelitten. Sie gelten als weniger korrupt als andere politische Bewegungen und stoßen mit karitativen Projekten oft in Nischen vor, aus denen sich der Staat zurückgezogen hat.

In zerfallenden Staaten wie Somalia und Syrien und in vernachlässigten Gebieten wie im sunnitischen Kernland des Irak bemühen sich militante Salafisten-Gruppen wie die Al-Shabab-Miliz oder die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) außerdem, so etwas wie eine staatliche Infrastruktur zu schaffen. Die Gewaltexzesse - von der Enthauptung vermeintlicher Ungläubiger bis zur Versklavung nicht-muslimischer Frauen - nimmt zumindest ein Teil der Bevölkerung billigend in Kauf. Doch wer sind diese Salafisten , die der Verfassungsschutz als die "in Deutschland wie auch auf internationaler Ebene (...) zur Zeit dynamischste islamistische Bewegung" ansieht? Sind sie wirklich alle so gefährlich? Nicht jeder Salafist ist auch ein gefährlicher Terrorist. Einige Salafisten beschränken sich darauf, einen Lebensstil zu pflegen wie im 7. Jahrhundert. Sie benutzen zum Beispiel ein Hölzchen für die Zahnreinigung anstatt eine Zahnbürste, wie dies zu Lebzeiten des Propheten Mohammed in Mekka und Medina üblich war. Oft ziehen diese Frömmler in Gruppen umher, um andere Muslime "auf den rechten Weg zu führen".

Bei Deutschen beginnt die "Salafisten-Karriere" oft damit, dass ein Prediger in der Moschee eine besonders scharfe Abgrenzung gegenüber Christen betreibt. Wem das zusagt, der schließt sich vielleicht anschließend einem radikalen Gebetskreis in einer Privatwohnung an. Nicht alle Teilnehmer dieser Zirkel springen später auch auf Propaganda-Videos von Dschihadisten an. Und nicht jeder, der diese Videos anschaut, landet hinterher als potenzieller Selbstmordattentäter in Syrien. Es ist ähnlich wie beim Drogenkonsum: Nicht jeder, der als Jugendlicher einen oder zwei Joints in der Woche raucht, hängt hinterher an der Nadel - aber unter den Heroin-Abhängigen findet man kaum jemanden, bei dem der Drogenkonsum nicht mit leichteren Substanzen begonnen hat.