Ende einer Illusion

Für das Gastgeberland Brasilien war die WM aufgeladen mit religiöser Symbolik und nationalen Hoffnungen. Das macht das Ausscheiden für das von Selbstzweifeln und sozialen Unruhen geplagte Land umso ernüchternder.

Im Morgengrauen danach trägt Pelé noch immer das gelbe Trikot der Seleção. Stolz steht er da, mit dem WM-Pokal in den Händen. Der Platz ist in gelbes und grünes Licht getaucht, in die Landesfarben. Aber Pelé ist allein. Brasilien liegt ermattet danieder. 1:7 im Halbfinale gegen Deutschland. Nicht zu fassen.

Die Statue in Três Corações, der Geburtsstadt des berühmten Fußballers, erinnert an den Mythos des brasilianischen Fußballs und dessen Begründer. Nun sieht der steinerne Pelé aus wie eine Erinnerung an etwas, das endgültig verloren ist. In Brasilien ist Fußball wesentlich mehr als ein Sport. Er ist Quelle der nationalen Identität, des Selbstbewusstseins und der Freude. Jedes Kind wächst mit der Gewissheit auf, dass sein Land im größten Sport der Welt das Beste ist. Wie eine Monstranz trug das Land Jahrzehnte das "Jogo bonito" vor sich her. In den vergangenen Jahren haben die Brasilianer ihrer Seleção gerade noch verziehen, dass sie nicht mehr schön spielte, weil sie einigermaßen erfolgreich war. Aber jetzt spielt sie hässlichen Fußball und bekommt so eine Klatsche.

Zudem haben Land und Leute, Spieler, Trainer und Präsidentin aus dieser WM eine religiös überhöhte Veranstaltung gemacht, an deren Ende der Titel wie der Einzug ins himmlische Paradies stehen sollte. Abzulesen an den Gebeten der Spieler vor und nach den Partien oder der mit Inbrunst auch noch a cappella geschmetterten Hymne. Der sportliche Druck war bereits enorm. Hinzu kamen die sozialen Proteste, die Kritik an der überteuren WM, der Forderungen nach besserer Bildung und mehr Gesundheit. Am Ende schien diese Bürde die Spieler in den Rasen zu drücken.

Nun heißt es Abschied nehmen von einer Illusion. Sportlich, dass diese Mannschaft den Titel gewinnen werde. Und ganz alltäglich, dass das Turnier den Menschen etwas bringe außer Ablenkung. Der unfassliche Abend von Belo Horizonte trifft ein verunsichertes Land in einem Moment, in dem es nicht weiß, ob es Weltklasse ist oder doch eher nur regionale Großmacht. Lange Jahre wurde das Modell Brasilien als der Königsweg für Schwellenländer bejubelt. Wirtschaftlichen Aufstieg mit sozialem Fortschritt zu paaren - niemand machte das besser als die Brasilianer. Doch seit Jahren stockt der Fortschritt - Korruption, Abschottung der Ökonomie und defizitäre Infrastruktur hemmen das Wachstum. Heute steht Brasilien in fast allen Vergleichstabellen am Ende.

Präsidentin Dilma Rousseff wird diese Niederlage noch lange begleiten. In drei Monaten will sie sich wiederwählen lassen. Hätte Brasilien die WM gewonnen, wäre das ein Selbstläufer geworden. Nun muss sie fürchten. Schon bald werden die Debatten über die Kosten, die Umsiedlungen, die Toten auf Baustellen und in Favelas wieder hochkochen. Und für alles wird Rousseff verantwortlich gemacht werden.