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Einfach mal faulenzen"Reaktion auf den gestiegenen Stress"

Einfach mal faulenzen"Reaktion auf den gestiegenen Stress"

Berlin. Zeit ist ein knappes Gut. Vor allem die Freizeit komme zu kurz, sagt jeder dritte Bundesbürger. Und das, obwohl die durchschnittliche Wochenarbeitszeit seit 1950 um rund zehn auf 38,4 Wochenstunden zurückging und sich der Urlaubsanspruch von neun auf 30 Tage fast verdreifacht hat

Berlin. Zeit ist ein knappes Gut. Vor allem die Freizeit komme zu kurz, sagt jeder dritte Bundesbürger. Und das, obwohl die durchschnittliche Wochenarbeitszeit seit 1950 um rund zehn auf 38,4 Wochenstunden zurückging und sich der Urlaubsanspruch von neun auf 30 Tage fast verdreifacht hat. Wie die Deutschen über ihre Freizeit denken und was sie damit anfangen, hat jetzt die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen untersucht. Eines der Ergebnisse: Sie lassen es zunehmend ruhiger angehen. Das Internet, faulenzen und ausschlafen gewinnen an Bedeutung. "Nach Feierabend will man sich passiv berieseln lassen. Die meisten Freizeitaktivitäten sind Passivitäten", sagt Studienleiter Ulrich Reinhardt.Pro Werktag kommt jeder Bundesbürger ab dem 14. Lebensjahr im Schnitt auf vier Stunden und drei Minuten, in denen er tun und lassen kann, was er will. Dieses Budget variiert allerdings erheblich. Während Senioren naturgemäß über deutlich mehr Freizeit verfügen und jeder vierte von ihnen das sogar als negativ empfindet, haben Väter und Mütter die wenigste Zeit für sich: nur drei Stunden und zehn Minuten. "Von der Hilfe bei den Schularbeiten, über das Bringen der Kinder zu Verabredungen bis hin zum Austausch mit anderen Eltern - all dies kostet Zeit, das in der persönlichen Freizeit fehlt", erläutert Reinhardt.

Und was stellt der Deutsche nun an mit seiner Freizeit? Die beliebteste Beschäftigung ist das Fernsehen. Und das seit nunmehr schon 25 Jahren, wie aus einer Langzeituntersuchung der Stiftung hervorgeht. Fast jeder Bundesbürger (97 Prozent) nutzt die Glotze regelmäßig. Auch auf den Folgeplätzen hat sich wenig geändert. Seit fast drei Jahrzehnten machen telefonieren (91 Prozent), Radio hören (89), Zeitungen und Zeitschriften lesen sowie die Familie (72) die weiteren Positionen unter sich aus.

Jenseits aller traditionellen Freizeitaktivitäten gewinnen die neuen Medien zunehmend an Bedeutung. 2007 schrieben 36 Prozent der Deutschen regelmäßig E-Mails an Freunde und Bekannte. Jetzt verbringen schon 52 Prozent damit einen Teil ihrer freien Stunden. Der Trend geht aber eben auch in Richtung, einfach mal nichts zu tun. Vor drei Jahren sahen darin 39 Prozent eine sinnvolle Freizeitgestaltung. Jetzt sind es bereits 50 Prozent. Etwa zwei Drittel der Befragten schlafen zudem mindestens einmal pro Woche aus. Rückläufig ist dagegen zum Beispiel die Beliebtheit von Gartenarbeit. Oder auch: Rad fahren, Spaziergänge machen, Briefe schreiben.

Die Unterschiede bei der Freizeitgestaltung der Gechlechter sind zum Teil recht erheblich. Während fast die Hälfte der Frauen gern zu einem Buch greift, ist es bei den Männern nur jeder vierte. Dafür sitzt Mann häufiger am Computer und geht speziellen Hobbys nach. Auch das Heimwerken und der Besuch von Sportveranstaltungen oder einer Kneipe sind Männer-Domänen. Frauen indes gehen fast doppelt so oft in den Gottesdienst wie die Herren der Schöpfung. Große Unterschiede gibt es zudem zwischen Gut- und Geringverdienern. Letztere verbringen laut Reinhardt oft unfreiwillig mehr Zeit mit kostengünstigen Aktivitäten wie etwa Kreuzworträtseln. Gutverdiener sind deutlich aktiver, gehen häufiger ins Theater oder ins Restaurant.

Dass viele Deutsche über zu wenig Freizeit klagen, hat mindestens zwei Ursachen: Zum einen ist das Freizeitangebot in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen. Dieses Überangebot provoziert ein Gefühl der (Frei-)Zeitnot. Laut Studie werden deshalb die Aktivitäten verkürzt oder mit anderen kombiniert. Dass zum Beispiel die Hausaufgaben bei laufendem Fernseher erledigt werden, ist bei vielen Schülern längst Alltag. Zum anderen hat sich die Vorstellung von Freizeit gewandelt: Der Verwandtenbesuch gelte nicht mehr unbedingt als Freizeitvergnügen, meint Studienautor Reinhardt. Auch die Shoppingtour werde zumindest von Männern eher als Last denn Lust empfunden.Herr Professor Höge, viele Deutsche wollen in ihrer Freizeit vor allem faulenzen und fernsehen. Überrascht, erschreckt Sie das?

Höge: Weder noch. Seit Jahren wird in Deutschland doch von der Entschleunigung unserer Zeit geredet und von permanenter Überlastung. Das Faulenzen dürfte eine Reaktion auf den gestiegenen Stress im Berufsleben sein, vor allem auf die gestiegene mentale Belastung durch die Computer am Arbeitsplatz.

Was sind weitere Gründe? Sehnt sich nicht auch eine älter werdende Gesellschaft nach mehr Ruhe?

Höge: Das ist ebenfalls denkbar. Dass die körperliche Beweglichkeit im Alter abnimmt, sieht man sehr deutlich zum Beispiel an Altkanzler Helmut Schmidt. Er ist geistig äußerst aktiv, muss aber im Rollstuhl sitzen. Viele andere Menschen sind ab einem gewissen Alter aber auch geistig nicht mehr so aktiv, was sich in den Umfragen dann gewiss auch niederschlägt. Daneben darf man nicht vergessen, dass die Anzahl der Freizeitaktivitäten insgesamt zugenommen hat. Die Freizeit ist offenbar stärker auf verschiedene Tätigkeiten verteilt. Das führt dazu, dass man den Eindruck gewinnt, weniger Zeit zu haben. Und als Gegenreaktion kommt dann der Wunsch: Jetzt will ich mal gar nichts tun.

Freizeit wird auch anders wahrgenommen. Der Besuch der Verwandtschaft gilt nicht mehr als Freizeitvergnügen.

Höge: Es stimmt, dass bestimmte Pflichtaspekte in der Freizeit nicht mehr als freie Zeit verstanden werden, obwohl sie außerhalb des Berufslebens stattfinden. Doch sie nehmen eben von der persönlichen freien Zeit etwas weg, so dass man den Eindruck hat, die Freizeit würde allgemein weniger.

Seit 25 Jahren ist Fernsehen die liebste Freizeitbeschäftigung. Ist es nicht traurig, dass die Menschen nicht mehr mit sich anzufangen wissen, sich nicht in Vereinen oder sozial engagieren?

Höge: Das Fernsehen ist unter allen Medien sicher jenes, das am meisten fesselt, weil es gleichzeitig Optisches und Akustisches vermittelt. Es bietet Unterhaltung in jeglicher Breite - vom Musikantenstadl bis zur Wissenschaftssendung. Ich bin deshalb skeptisch, dass das Fernsehen an sich einen schlechten Einfluss auf die Bevölkerung hat oder sogar zur Volksverdummung führt. Übrigens gibt es Studien, die besagen, dass die Tendenz zum ehrenamtlichen Engagement zunimmt. Ich bin da also insgesamt nicht so pessimistisch. "Die meisten Freizeit-

aktivitäten sind Passivitäten."

Studienleiter

Ulrich Reinhardt