Eine Oase mitten in Paris

Das Vorzeige-Projekt des scheidenden Pariser Bürgermeisters ist fertig: Eine Umgestaltung der Seine-Ufer zu einem autofreien, grünen Freizeitbereich. Was Gegner als „Anti-Auto-Kreuzzug“ geißelten, kommt inzwischen gut an.

Wer eine der schwimmenden Grünflächen betritt und sich in eine Hängematte inmitten von exotisch anmutenden Gräsern fallen lässt, dabei den Rad- und Rollschuhfahrern zusieht und den kletternden Kindern, der könnte fast vergessen, wo er sich gerade befindet: an den Ufern der Seine. Diese fließt zwar durch Paris, ihrem romantischen Ruf wurde sie bisher aber nicht gerecht. Pro Stunde rasten rund 2000 Autos auf der mehrspurigen Stadtautobahn an ihr vorbei und raubten den Flaneuren die Ruhe. Bis Bürgermeister Bertrand Delanoë die radikale Idee umsetzte, einen Abschnitt komplett für den Verkehr zu sperren und die Seine und seine Quais "für die Bürger zurückzuerobern". Deren Aufwertung zielte auch auf die Touristen, deren Anzahl 2012 einen neuen Weltrekord von 29 Millionen erreicht hat.

Doch will Delanoë Paris immer noch attraktiver für Besucher, grüner und lebenswerter für seine Bewohner machen. Der sozialistische Rathauschef, der seit 2001 regiert und bei den nächsten Kommunalwahlen im März nicht mehr antritt, hat aus dem Kampf gegen Abgase und das hohe Verkehrsaufkommen einen Schwerpunkt gemacht. Er ließ Radwege bauen, ein Leihsystem für Elektroautos einführen und erschwert das Autofahren gerade jenen, die Paris an der Seine entlang durchqueren wollen, durch Geschwindigkeitsbegrenzungen, zahlreiche Ampeln und die Umgestaltung der Quais.

Während auf der neu begrünten rechten Uferseite Fußgänger und Autofahrer "koexistieren" sollen, gehört links der 2,3 Kilometer lange Bereich zwischen dem Eiffelturm und dem Musée d'Orsay nun Spaziergängern, Radfahrern und Inline-Skatern. Nach einer Planungsphase von drei Jahren und fünfmonatigen Bauarbeiten ist Delanoës Traum von einem grünen Spiel-, Sport- und Entspannungsbereich inmitten der lauten Metropole inzwischen realisiert. Seit der Einweihung Mitte Juni sind die meisten Installationen fertig, von denen manche kurios anmuten wie der Entspannungsraum "You". Holzliegen stehen bereit, es gibt eine Klettermauer, Trainingsgerüste und Laufbahnen, man kann Sporttrainer oder ein Tipi für Kindergeburtstage reservieren. Cafés auf Kähnen schaffen eine Biergartenatmosphäre. In Ausstellungsbereichen werden die Fischarten vorgestellt, die in der Seine leben. Fünf begehbare Inseln als Mini-Gärten schwimmen im Fluss. "Ich wollte diesen Ort dem Leben zurückgeben, besonders den Kindern, aber nicht nur, allen Generationen und allen, die in Paris verliebt sind", erklärte Delanoë bei der Einweihung. Auch die Häuserfassaden an der Seine, die zum Unesco-Kulturerbe gehören, würden dadurch aufgewertet.

Scheint das Projekt nun angenommen zu werden, so hatte zunächst eine große Mehrheit der Bürger den Umbau mit den Kosten von insgesamt 35 Millionen Euro abgelehnt, zu denen jährlich fünf Millionen Euro für den Unterhalt kommen. Die konservative Opposition, Vertreter der Wirtschaft und die Autofahrer-Lobby bekämpften die Straßen-Sperrung als "Anti-Auto-Kreuzzug", der die Fahrt vom Osten in den Westen um durchschnittlich sieben Minuten verlängert. Die 40 000 Autos, die täglich die Strecke links der Seine nutzten, sind auf andere Axen verbannt. Doch "die Katastrophen-Zustände, die manche befürchteten", seien nicht eingetreten, sagt der Pariser Polizeipräfekt Bernard Boucault. Gefahr droht den neuen Installationen aber von oben: Wegen Hochwasser nach Regenfällen mussten sie am Wochenende abgebaut werden - aber nur "zeitweise", wurde versprochen.