"Eine historische Zäsur, die mich schmerzt"

"Eine historische Zäsur, die mich schmerzt"

Was empfinden Sie persönlich anlässlich des Endes der Kohleförderung an der Saar zum 30. Juni 2012?Tönjes: Eine tiefe Betroffenheit. Denn wir verabschieden uns ja nicht nur von einem Bergwerk, sondern nach 250 Jahren von einer ganzen Region. Das ist eine historische Zäsur. Mich schmerzt das auch persönlich, denn ich wurde selbst schon sehr früh vom Bergbau geprägt

Was empfinden Sie persönlich anlässlich des Endes der Kohleförderung an der Saar zum 30. Juni 2012?Tönjes: Eine tiefe Betroffenheit. Denn wir verabschieden uns ja nicht nur von einem Bergwerk, sondern nach 250 Jahren von einer ganzen Region. Das ist eine historische Zäsur. Mich schmerzt das auch persönlich, denn ich wurde selbst schon sehr früh vom Bergbau geprägt. Mein Vater arbeitete im Bergbau, meine beiden Großväter, mein Onkel, meine Cousins. Wer erlebt als Bergmann schon gerne, dass der Bergbau in ganz Deutschland 2018 zu Ende geht?

Wie sehen die Planungen bis zum 30. Juni 2012 aus?

Tönjes: Wir werden im letzten Streb bis Ende Mai aktiv Kohle fördern. Parallel ziehen wir uns schon aus dem übrigen Grubengebäude zurück. Das Rauben der Strebausrüstung, wie es im Fachjargon heißt, dauert dann etwa zwei Monate. Die Schächte selbst werden wir erst 2013 verfüllen. Nach den 250 Bergleuten, die im laufenden Jahr ins Bergwerk Ibbenbüren gewechselt sind, folgen 2012 nochmals 840 Bergleute. Waren es bisher ledige Bergleute, folgen jetzt die Familienväter.

Was plant die RAG am letzten Tag des Saar-Bergbaus?

Tönjes: Der Abschied vom Bergbau im Saarland soll in einem würdigen Rahmen erfolgen. Es wird einen offiziellen Festakt in Ensdorf geben, auf dem auch die Ministerpräsidentin sprechen wird. Danach wollen wir an eine Tradition anknüpfen und in Zusammenarbeit mit den Kirchen eine Mettenschicht als zentrale Veranstaltung für unsere Belegschaftsmitglieder organisieren. Auf die Mitwirkung der Kirchen legen wir großen Wert, zumal diese innerhalb von Mettenschichten immer schon eingebunden waren, gerade auch in Krisensituationen.

Auf der Bergehalde in Ensdorf wird ein schon von weitem sichtbares Denkmal entstehen, das dauerhaft an den Bergbau erinnern soll. Ist die Finanzierung schon gesichert?

Tönjes: Diese Landmarke auf der Halde Duhamel halte ich für außerordentlich wichtig. Sie soll als Mahnmal an 250 Jahre saarländische Bergbaugeschichte erinnern, zum Nachdenken anregen, die Leistung der im Bergbau tätigen Bevölkerung würdigen und auch die enge Verbundenheit der Saarländer mit dem Bergbau hervorheben. Sie soll aber auch einen Blick in die Zukunft eröffnen, ein Stück Strukturwandel an der Saar aufzeigen, denn ihre Konstruktion hat einen futuristischen Anstrich. Die Finanzierung halte ich für gesichert. Wir haben mit der RAG Stiftung sowie dem Saarland zwei große Geldgeber. Die RAG selbst wird sich mit 100 000 Euro beteiligen.

Was bleibt kulturell vom Bergbau übrig? Viele Bergleute sind Mitglied in Vereinen, Bergkapellen oder dem Saarknappenchor.

Tönjes: Das kulturelle Gut muss für die zukünftige Generation erhalten und mit neuen Inhalten gefüllt werden. Hier kommt es stark auf privates, individuelles Engagement an. Ein Chor etwa muss immer wieder verjüngt werden. Für die RAG wird es mittelfristig nicht mehr möglich sein, finanziell Unterstützung zu gewähren.

Wie sollten die Saarländer mit dem Erbe des Bergbaus umgehen?

Tönjes: Der Bergbau und die Stahlindustrie haben das Saarland über viele Jahrzehnte geprägt und eine überragende wirtschaftliche Bedeutung gehabt. Wegen des wertvollen Bodenschatzes Kohle hat das Saarland mehrmals seine Nationalität zwischen Deutschland und Frankreich gewechselt. Auch die Werte und Tugenden der Menschen des Bergbaus wie Pflichterfüllung, Verlässlichkeit und Solidarität sind in das Unterbewusstsein der Saarländer eingeflossen. Mich beeindruckt die Haltung von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, die zum Entschluss des Auslaufbergbaus steht, aber auch immer wieder betont, dass man einen würdevollen Abschied sicherstellen muss. Ein Abschied, der auch die Bedeutung des Bergbaus, der Bergleute und der Branche als Arbeitgeber über viele Jahrzehnte hinweg würdigt. Diese Zielsetzung entspricht auch unserer Haltung. Wir haben die Entscheidung der Politik akzeptiert, legen aber größten Wert auf die Einhaltung aller getroffenen Vereinbarungen. Es darf bis zum Schluss keine betriebsbedingten Kündigungen geben.

Wie sehen die Zukunftsplanungen für das Saarland aus?

Tönjes: Wir wollen nach dem Ende der Kohleförderung als RAG noch lange Jahre im Saarland präsent bleiben und einen Beitrag zum Strukturwandel leisten. Durch den Verkauf der Flächen, aber auch durch neue Aktivitäten wie die Nutzung Erneuerbarer Energien. Darüber hinaus werden wir hier vor Ort präsent bleiben, um die restlichen Bergschäden zu regulieren und die Ewigkeitsaufgaben des Bergbaus zu erledigen.

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