Eine halbe Million Bürger stirbt vorzeitig an Fett, Alkohol, Tabak und schlechter Luft

Eine halbe Million Bürger stirbt vorzeitig an Fett, Alkohol, Tabak und schlechter Luft

Lebenserwartung, Gesundheitsrisiken, vermeidbare Krankheiten – die EU und die OECD haben den Europäern gemeinsam den Puls gefühlt. Aus diesen Trends ziehen sie nun besorgniserregende Schlüsse.

Es klingt durchaus paradox: Die Europäer werden immer älter und können nun fast überall in der EU darauf hoffen, zumindest noch ihren 80. Geburtstag zu feiern. Doch das bedeutet nicht, dass alle gesund alt werden. Im Gegenteil. "Ungefähr 50 Millionen Menschen in der EU sind mehrfach chronisch krank", mahnte der für Gesundheitsfragen zuständige EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis gestern in Brüssel - mit ernster Miene. Dort stellte die EU-Kommission und die Industriestaatenorganisation OECD eine Studie vor, die die Frage beantworten sollte: "Wie gesund leben die Europäer?"

Um das Fazit vorwegzunehmen: Es gibt Probleme an allen Ecken. "Mehr als eine halbe Million Menschen im erwerbsfähigen Alter sterben jedes Jahr an chronischen Krankheiten", so Andriukaitis. 37 Prozent der Menschen überlebten allein im Berichtsjahr 2014 Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht. Krebs blieb mit 27 Prozent die zweithäufigste Todesursache, danach folgten mit acht Prozent Atemwegserkrankungen. Bedenklich sei, so Andriukaitis: Man komme gerade beim Abbau vermeidbarer tödlicher Risiken wie Alkohol , Rauchen oder Übergewicht nicht weiter. Allein 16 Prozent aller Erwachsenen gelten als dickleibig oder adipös. Ein weiteres Problem: Es hakt auch bei der Sanierung maroder Strukturen im Gesundheitswesen.

Schuld an dieser Entwicklung sei laut OECD unter anderem, dass die ärztliche Versorgung in weiten Teilen der untersuchten 41 europäischen Staaten mangelhaft sei. 27 Prozent der Patienten hätten nur deswegen die Notaufnahme eines Krankenhauses aufgesucht, weil sie keinen Arzt erreicht hätten. 15 Prozent der notwendigen Ausgaben zur Behandlung von Krankheiten mussten die Patienten im Berichtsjahr aus eigener Tasche zahlen. Das mache die Gesundheitsfürsorge immer mehr zum Zwei-Klassen-System, hieß es.

Wie dramatisch die Unterschiede in der EU wirklich sind, zeigen die Zahlen: Während 2015 in Luxemburg pro Kopf 6023 Euro für die staatliche Gesundheitsfürsorge aufgewendet wurden, waren es in Rumänien gerade mal 816 Euro. Der EU-Durchschnitt liegt bei 2781 Euro. Deutschland lag mit 4003 Euro an zweiter Stelle. "Wir müssen noch mehr unternehmen, um die Ungleichheiten beim Zugang und bei der Qualität der Gesundheitsversorgung zu verringern", forderte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. "Wenn die Versorgungsstandards in allen EU-Ländern auf das höchste Niveau angehoben würden, könnten viele Menschenleben gerettet werden."

Doch die Europäer leiden nicht nur unter einem ungesunden Lebensstil: Auch die Luft macht sie krank. Das beklagten gestern zumindest führende Umwelt- und Gesundheitsforscher in Kopenhagen. "Drastische Maßnahmen sind nötig", meinte Hans Bruyninckx, Chef der EU-Umweltagentur, angesichts von 467 000 Menschen, die jedes Jahr in der Union an Krankheiten sterben, welche durch eine zu hohe Luftverschmutzung gefördert wurden. Er stellte den Jahresbericht zur Luftqualität vor.

Besonders dramatisch ist die Lage für Stadtbewohner. Legt man Grenzwerte der EU zugrunde, waren im Berichtsjahr 2014 rund 17 Prozent der Städter gefährlich hohen Feinstaubkonzentrationen ausgesetzt. Noch alarmierender sei die Situation, wenn man die Höchstwerte, die laut Weltgesundheitsorganisation bereits als schädlich gelten, als Basis nimmt. Dann leben 85 Prozent der Bewohner von Ballungsgebieten mit einer Belastung, die gesundheitsgefährdende Auswirkungen hat. Davon betroffen ist Deutschland, wo - wie auch in den Niederlanden, Großbritannien und Griechenland - der Verkehr der Hauptverursacher der schlechten Luft sei, hieß es gestern. Saar-EU-Parlamentarier Jo Leinen (SPD ) warnte auch deshalb gestern: "Eine gute Luftpolitik in Europa ist nicht nur Frage des Umweltschutzes, sondern vor allem eine Frage der Gesundheit der Menschen."