"Eine dramatische Bestätigung, dass wir an die Grenzen gehen"

"Eine dramatische Bestätigung, dass wir an die Grenzen gehen"

Herr Professor Töpfer, was geht im Golf von Mexiko vor sich?Töpfer: Die Ölkatastrophe ist eine weitere dramatische Bestätigung dafür, dass wir an die Grenzen dessen gehen, was man verantwortlich in der Natur und mit der Natur machen darf

Herr Professor Töpfer, was geht im Golf von Mexiko vor sich?

Töpfer: Die Ölkatastrophe ist eine weitere dramatische Bestätigung dafür, dass wir an die Grenzen dessen gehen, was man verantwortlich in der Natur und mit der Natur machen darf. Wir sehen, dass ein solches technisches und menschliches Versagen zu Konsequenzen führt, die auf einmal die Frage, wie teuer Öl eigentlich ist, gänzlich neu stellt.

Welche Lehren muss die Politik daraus ziehen?

Töpfer: Diese Katastrophe ist ein neuer Weckruf, alles daran zu setzen, die Risiken bei der Energieversorgung zu minimieren und alles dafür zu tun, unsere Energienachfrage und unseren Wohlstand mit weniger risikoreichen Technologien zu sichern.

Wie riskant ist die Atomenergie?

Töpfer: An meinem ersten Tag als Bundesumweltminister im Mai 1987 habe ich, nachlesbar in einem Zeitungsinterview, gesagt: Wir müssen eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden. Ich bin und bleibe dieser Meinung. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Kernenergie große Risikopotenziale birgt, vornehmlich mit Blick auf die Nichtverbreitung von Kernwaffen. Wenn wir die Kernenergie weltweit zu einer relevanten Energiequelle machen wollen, werden wir tausende Kernkraftwerke errichten müssen. Das macht den Brennstoffkreislauf unvermeidbar und führt damit zur Produktion von Plutonium. In einer Welt, in der das staatliche Gewaltmonopol immer weniger relevant ist, halte ich es nicht für vertretbar, derartige unkalkulierbare Risikopotentiale zu schaffen. So bleibe ich dabei: Wir müssen alles daransetzen, dass wir so schnell wir möglich eine Welt gestalten, in der auch ohne Kernenergie Wohlstand erreicht und gesichert werden kann.

Was halten Sie von der Laufzeitverlängerung, die Schwarz-Gelb am Bundesrat vorbei beschließen will?

Töpfer: Man sollte das Ende der Nutzung von Kernenergie in Deutschland durchaus flexibler gestalten. Dabei sollte alles versucht werden, um eine möglichst breite politische und gesellschaftliche Unterstützung zu erreichen. In Deutschland können sicherlich Kernkraftwerke ohne unverantwortliche Risiken sicher betrieben werden. Aber diese Technologie kommt zu einem Ende, und wir müssen alles daran setzen, neue, erneuerbare Technologien sowie eine revolutionär erhöhte Energieeffizienz so schnell wie möglich marktreif und wettbewerbsfähig zu machen.

Die Kanzlerin spricht von einer Brückentechnologie.

Töpfer: Mir wird zu viel darüber gesprochen, wie wir die Brücke verlängern können. Jeder weiß: Eine Brücke ist umso stabiler und umso kostengünstiger, je kürzer sie ist.

Als saarländischer CDU-Vorsitzender haben Sie schon 1993 mit Hubert Ulrich über eine Zusammenarbeit gesprochen. Fühlen Sie sich durch die Jamaika-Koalition bestätigt?

Töpfer: Ich fühle mich bestätigt unter dem Gesichtspunkt, dass es eine gute Möglichkeit der Zusammenarbeit zwischen CDU und Grünen gibt.

Was kann Schwarz-Grün, was andere nicht können?

Töpfer: Entscheidend ist für mich das Verständnis im Umgang mit der Natur, dem Respekt vor der Schöpfung. Das ist für mich konservativ. Wie weit können wir unseren Wohlstand subventionieren, indem wir die Kosten dieses Wohlstandes auf Umwelt und Natur, auf die Zukunft abwälzen? Das ist eine Grundsatzfrage unserer Lebensgestaltung. Unter diesem Gesichtspunkt war die Wirtschafts- und Finanzkrise ebenso wie die Klimakrise ein Offenbarungseid der Kurzfristigkeit. Mit Blick auf diese Position ist zu klären, wer in der parteipolitischen Landschaft vergleichbare politische Überzeugungen vertritt.

Gibt es so etwas wie ein schwarz-grünes Projekt?

Töpfer: Ich glaube, dass wir die politischen Überschneidungen zwischen einer im guten Sinne des Wortes konservativen CDU und den Grünen immer stärker sehen. Sowohl im Saarland als auch in Hamburg belegen CDU-Regierungschefs, dass eine Zusammenarbeit mit den Grünen nicht nur möglich, sondern auch mit sinnvollen Ergebnissen verbunden sein kann.

Auch ein Modell für den Bund?

Töpfer: Ich will mich nicht überheben, aber eine gute und überaus tragfähige Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit den Grünen gibt es natürlich auch auf Bundesebene.