1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Ein zerrüttetes Land steht am Abgrund

Ein zerrüttetes Land steht am Abgrund

Die IS-Milizen greifen schonungslos nach dem Öl des Iraks. Sie brauchen dringend Geld für ihren Kampf gegen die Kurden und für ein Kalifat. Einzig der Rückzug von Premier Maliki macht jetzt etwas Hoffnung.

Die Dschihadisten der Terrororganisation "Islamischer Staates" (IS) jubeln über Twitter : "Diese Krise ist ein großes Geschenk." Die Entscheidung des US-Präsidenten Barack Obama , im Irak-Krieg militärisch einzugreifen, ermögliche ihnen, ihren "Erzfeind" direkt zu bekämpfen. Von großem moralischem Auftrieb ist die Rede und davon, dass nun radikale Islamisten weltweit zu ihnen eilen würden.

Tatsächlich konnten US-Attacken dem Kriegseifer der IS bislang nichts anhaben. Während die Kurden kleine Gebiete zurückeroberten, setzen die Dschihadisten nun ihren Vormarsch im Süden fort - um die Front zum autonomen Kurdistan zu erweitern und die nord-irakischen Ölquellen als finanzielle Basis für ihr Terror-"Kalifat" unter Kontrolle zu bringen.

Eine Entspannung zeichnet sich nicht ab. Und schon jetzt reichen die Schätzungen der durch IS Vertriebenen bis zu einer Million. Das Gesicht des Iraks hat sich damit dauerhaft verändert. Denn viele, die den Schrecken durch Terror und qualvollem Tod entronnen sind, werden nicht mehr zurückkehren. Erstmals in seiner 82-jährigen Geschichte ist die territoriale Integrität des irakischen Staates ernsthaft bedroht. Doch weit gefährlicher für seine Bewohner, die Region und darüber hinaus für den gesamten Westen ist die Kontrolle eines großen ölreichen Territoriums, die barbarischen Terroristen unbegrenzten Handlungsspielraum bescheren könnte. Der Albtraum erscheint real.

Und dennoch lassen sich vielleicht gravierende Schwächen der IS erkennen. Im Irak und in Syrien kämpfen die Terroristen gegen eine Schar von Feinden. Die bisherigen Geländegewinne gelangen IS in mehrheitlich von arabischen Sunniten bewohnten Gebieten, in denen sie sich auf die Unterstützung der lokalen Bevölkerung stützen konnten. Fehlt diese, erscheint ein Vormarsch fraglicher. Vor allem kommandiert IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi eine Vielzahl von arabisch-sunnitischen Gruppen, die nur der Sturz des mit dem Iran verbündeten Regimes von Premier Nuri al-Maliki einte.

Gravierende ideologische und politische Meinungsunterschiede, bis zum Hass gegeneinander, beginnen schon aufzubrechen. Zudem zeigen sich Anzeichen, dass arabisch-sunnitische Stämme, schockiert über den IS-Terror, der auch ihren Angehörigen in dem von IS kontrollierten Gebieten zum Verhängnis wird, sich dem Kampf der Peschmerga gegen die IS und zur Verteidigung der Heimat anschließen wollen.

Gelingt dem designierten schiitischen Premier Haidar al-Abadi nun ein Neuanfang in Bagdad , indem er durch ein radikales politisches Reformkonzept die gravierenden Fehler seines Vorgängers Maliki korrigiert, Sunniten und Kurden voll in den politischen Prozess eingliedert. Dann könnte IS den Rückhalt in der sunnitischen Bevölkerung verlieren und damit besiegt werden. Darauf hoffen viele, nicht nur die USA. Diese Hoffnung stärkt zumindest der Rückzug Malikis. Er verzichtete unlängst auf eine dritte Amtszeit und einen blutigen Bruderkampf mit Abadi. Der Machtkampf im Irak gilt als ein Grund für das Erstarken der IS-Miliz. Dennoch wird es wohl ein langer Prozess, um das insbesondere in den acht Regierungsjahren Malikis geschaffene tiefe Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen so weit abzubauen, dass deren Vertreter zu politischer Kooperation bereit sind.

Die Last einer blutigen Vergangenheit trennt die Menschen des Iraks, die die Kolonialmacht einst zum Zusammenleben gezwungen hatte. Zuletzt haben auch die Amerikaner und die nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein demokratisch gewählten irakischen Führer die wichtigste Voraussetzung für Frieden ignoriert: einen Prozess der nationalen Versöhnung. Und dazu erscheint es nun zu spät.