1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Ein Volk, das Überleben gelernt hat

Ein Volk, das Überleben gelernt hat

Ist ein Land wie die Philippinen mit der Bewältigung der nationalen Katastrophe überfordert, die der Riesen-Taifun gebracht hat? Ein Land, das 400 Jahre Kolonialgeschichte hinter sich hat, erst vor gut 70 Jahren seine Unabhängigkeit erlangte und bis heute einer Parallelwelt aus erster und dritter Welt gleicht. „Yolanda“, wie man den Wirbelsturm hier nennt, brachte mehr als 10 000 Tote, dazu eine halbe Million Obdachlose und zerstörte Infrastrukturen in vielen Teilen der betroffenen Visayas-Inselgruppe.

Es wird trotz der Interventionen aus der Hauptstadt Manila und ausländischer Hilfe eine ganze Weile dauern, bis die Schäden behoben sind.

Sofortprogramme sind angelaufen, in erster Linie Lebensmittellieferungen für die am schwersten betroffene Region, die Insel Leyte und deren Hauptstadt Tacloban. Dass man nun tonnenweise Reis mit Militärmaschinen einfliegen lässt, verkennt aber womöglich die Realitäten vor Ort. Viele haben weder Brennholz oder Gas noch Wasser und Töpfe. Doch die Solidarität ist groß: Telefon- und Frachtgesellschaften boten schnelle, unbürokratische Hilfe an. Wichtige Verkehrswege sind bereits freigeräumt und notdürftig repariert worden - selbst der stark beschädigte Flughafen von Tacloban sollte gestern den Teilbetrieb wieder aufnehmen.

Dass viele Menschen in Tacloban und den anderen heimgesuchten Gebieten trotz der Verwüstungen und all der Toten nicht resignieren, hat viel mit der lebensbejahenden Mentalität der Philippinos zu tun. "Das Leben muss weitergehen", hört und liest man oft. Sie sind es gewohnt, immer wieder neu anzufangen: Die Hauptinsel Luzon und die Visayas-Inseln liegen im Bereich eines Taifun-Gürtels, der jedes Jahr Dutzende von Wirbelwinden bringt, die regelmäßig zu Überflutungen führen.

Vor allem die Armen, die nicht nur in Manila zu Zehntausenden in aus Wellblech und Brettern gezimmerten Barackensiedlungen leben, stehen regelmäßig vor dem Ruin. So auch jetzt wieder. Ihre windschiefen Behausungen haben bereits weitaus schwächeren Naturgewalten nichts entgegenzusetzen. Umso bewundernswerter ist der Überlebenswille der Armen, die Schätzungen zufolge 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie sind die Leidtragenden einer krassen Zweiklassengesellschaft, die sich dank der florierenden Wirtschaft mehr und mehr um eine stärker am Aufschwung partizipierende Mittelschicht erweitert. Wer sich in Manila abseits der hypermodernen Distrikte bewegt, in denen Konsum und Business eine spiegelblanke, nicht selten protzhafte Allianz eingehen, kann der Liebenswürdigkeit und Zähigkeit der sozial Deklassierten jeden Tag aufs Neue begegnen.

Die meisten geben die Hoffnung nicht auf, ihre ausweglos erscheinende Lage zu überwinden. Umso mehr verstehen sie es, im Augenblick zu leben - was keine Sozialromantik ist, sondern Hauptgrund dafür, dass sie das Lachen nie zu verlernen scheinen. Und nach allen Regeln der Kunst zu improvisieren wissen. Normalerweise auch auf legalen Wegen. Plünderungen, wie sie nun aus Tacloban berichtet werden, kommen sonst nicht vor.

Vielfach ist es ihr Glaube, der für die Armen die Scherbenhaufen ihres Lebens zusammenhält. Eine unter westlichem Blickwinkel naiv anmutende Form der Religiosität vieler Philippinos - 90 Prozent der 90 Millionen Einwohner sind Christen - erweist sich als maßgeblicher Gesellschaftskitt, auch wenn diese tröstende Gläubigkeit zugleich eine gewisse Schicksalsergebenheit zeitigt. In Notsituationen wie jetzt hilft vielen Menschen ihr Glaube, nicht zu verzweifeln.

Am Tag, als der Super-Taifun mit der tödlichen Geschwindigkeit von mehr als 300 Kilometern pro Stunde auf die Visayas-Inseln traf, war davon in der 2000 Kilometer nördlich gelegenen Hauptstadt Manila zunächst nichts zu spüren. Auch wenn seit Tagen darüber geredet und in den Medien berichtet wurde. Die Bevölkerung war gewarnt, 800 000 Anwohner in mutmaßlich betroffenen Gebieten - den im Zentrum der Philippinen gelegenen Inseln Samar, Leyte, Negros, Cebu, Palawan und der gerade erst von einem schweren Erdbeben heimgesuchten Insel Bohol - waren evakuiert worden. In Manila fiel an diesem Tag nur auf, dass vorsorglich alle Billboards, die haushohen Werbebanner entlang der Autobahnen, eingerollt worden waren - wie vor jedem Taifun. Auch blieben die meisten Schulen und Behörden geschlossen. Als die TV-Sender Stunden später die ersten Bilder von den Zerstörungen auf den Visayas zeigten, sah man in Endlosschleifen eingedrückte Dächer, umgefallene Bäume, tosende Wellen: Sollte es das gewesen sein? Erst als es hieß, aus vielen Provinzen gäbe es keine Nachrichten, weil die Telefonleitungen zerstört seien, ahnte man, wie trügerisch der erste Eindruck war.

Zwei Tage später zeigte die wichtigste philippinische Tageszeitung "The Daily Inquirer" auf dem Titel einen Mann in Tacloban, der seine tote, sechsjährige Tochter im Arm hält. Auf einem weiteren Foto sah man ein Schiff, das, wie vom Himmel herabgestürzt, inmitten einer dem Erdboden gleichgemachten Barackensiedlung liegt. Teil des nationalen Traumas "Yolanda" - der Name steht nun für die größte Naturkatastrophe in der Geschichte der Philippinen - ist die Ungewissheit zehntausender Familien über das Schicksal ihrer Angehörigen. Mit Planen abgedeckte Tote säumten die Straßen der Hauptstadt Leytes. Es wird Tage dauern, bis alle verschütteten oder aufs Meer getriebenen Leichen geborgen sind.

Vielen geht es wie Leonilo Gonzales, der in Manila als Fahrer arbeitet und keine Nachricht von den Familien seiner vier in Leyte lebenden Brüder hat. Nun überlegt er - falls sein Arbeitgeber ihm freigibt - den Bus zu nehmen, um Gewissheit zu bekommen. 21 Stunden sind es bis Tacloban. Die Brücke, die die Hauptinsel Luzon mit Leyte verbindet, soll wieder in Betrieb sein. Leonilo sagt, viele in Tacloban warteten auf Hilfe der Regierung. Nicht aus Unselbstständigkeit. Sondern weil sie selbst keinerlei Mittel hätten, um ihre Heimat wieder aufzubauen.