"Ein verharmlosender Begriff"

Herr Ramelli, was sagt die diesjährige Wahl zum "Unwort des Jahres" über den Zustand unserer Gesellschaft aus?Ramelli: Die Wahl sagt unter anderem etwas über die Medien aus, die in diesem Fall eine schwerwiegende Verbrechensserie mit einem verharmlosenden Begriff etikettiert haben, der zudem eine Gruppe innerhalb unserer Gesellschaft diskriminiert

Herr Ramelli, was sagt die diesjährige Wahl zum "Unwort des Jahres" über den Zustand unserer Gesellschaft aus?Ramelli: Die Wahl sagt unter anderem etwas über die Medien aus, die in diesem Fall eine schwerwiegende Verbrechensserie mit einem verharmlosenden Begriff etikettiert haben, der zudem eine Gruppe innerhalb unserer Gesellschaft diskriminiert.

Und über die Gesellschaft?

Ramelli: Möglicherweise hat das auch auf die Gesellschaft übergegriffen. Es ist in jedem Fall bedenklich, eine ganze Gruppe auf ein Gericht zu reduzieren. Die Deutschen würden es auch nicht schätzen, wenn man eine vergleichbare Mordserie als "Bretzel-Morde" bezeichnen würde.

"Döner-Mord" erinnert fatal an "Ehrenmord", ein Wort, das man nie ohne An- und Abführung verwenden sollte, weil diese Morde mit unserer Vorstellung von Ehre nichts zu tun haben . . .

Ramelli: Ich sehe insgesamt Parallelen zu mehreren "Unwörtern des Jahres", die alle in die gleiche Kerbe schlagen, nämlich die Diskriminierung von Ausländern. Das erste "Unwort des Jahres" war ja "ausländerfrei". In der Folge gab es ähnliche wie "Überfremdung" oder "national befreite Zone". Das zeigt doch etwas die Blindheit auf dem rechten Auge in Deutschland, die es wohl immer noch gibt.

Halten Sie es noch für zeitgemäß, ein Unwort zu küren?

Ramelli: Auf jeden Fall. Ich denke, dass das Echo in den Medien dazu führt, dass die Menschen über ihren Sprachgebrauch nachdenken. Angesichts der Tatsache, dass in der jüngeren deutschen Geschichte Sprache häufiger dazu verwendet wurde, bestimmte Gruppen auszugrenzen, ist das Unwort des Jahres eine durchaus sinnvolle Einrichtung.