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Ein Traum - verglüht in 30 Sekunden

Ein Traum - verglüht in 30 Sekunden

Fast 74 Jahre sind seit jener Nacht vergangen, in der sich für Werner Franz innerhalb von 30 Sekunden ein Traum in einen Albtraum verwandelte. Doch noch immer stockt seine Stimme, muss er tief Luft holen, wenn er über die Erlebnisse von damals spricht

Fast 74 Jahre sind seit jener Nacht vergangen, in der sich für Werner Franz innerhalb von 30 Sekunden ein Traum in einen Albtraum verwandelte. Doch noch immer stockt seine Stimme, muss er tief Luft holen, wenn er über die Erlebnisse von damals spricht. Über das Inferno, in dem das Luftschiff "Hindenburg" abstürzte - und über die glücklichen Umstände, die ihn retteten, während 36 andere Menschen ihr Leben ließen. Der 88-Jährige ist inzwischen der letzte Überlebende der Katastrophe vom 6. Mai 1937, als die "Hindenburg" bei der Landung nahe New York explodierte.Als Werner Franz, der in Frankfurt geboren und aufgewachsen ist, im Sommer 1936 seinen Dienst als Kabinenjunge auf der "Hindenburg" antrat, war er 14 Jahre alt und "verrückt nach Zeppelinen". "Als kleiner Junge habe ich schon Bildchen von Zeppelinen aus Zigarettenpackungen gesammelt. Und wann immer ein Zeppelin in Frankfurt angekündigt war, bin ich auf ein offenes Feld gelaufen und habe gewartet, bis er kommt", erinnert sich Franz. Die Anstellung auf der "Hindenburg" - nachdem er monatelang vergeblich eine Lehrstelle als Feinmechaniker gesucht hatte - kam da wie eine glückliche Fügung. "Allein der Gedanke, dass ich auf einem Zeppelin mitfahren und fremde Länder sehen könnte, war schon überwältigend."

Werner Franz' erste große Fahrt mit der "Hindenburg" ging im Oktober 1936 nach Rio de Janeiro in Brasilien. "Bis dahin war ich noch nie aus Deutschland rausgekommen. Und dann gleich nach Südamerika", erzählt Franz. Seine Aufgabe als Kabinenjunge war es, die Offiziere und Kapitäne bei den Mahlzeiten zu bedienen, Speisen aufzutragen, das Geschirr abzuräumen und zu spülen. Doch zwischendrin nahm er sich immer mal wieder ein Viertelstündchen, um auf die Landschaft und das Meer 200 bis 300 Meter unter dem Luftschiff hinabzublicken. "Ganz vorne am Bug befand sich ein Sitzplatz mit einem kleinen Tisch. Der Ausblick von dort war einmalig", erzählt Franz, der nach wie vor findet, dass es "keine schönere Art zu reisen" gibt als mit einem Zeppelin. "Das haben auch die Passagiere immer gesagt." Die zahlten für eine Fahrt mit der "Hindenburg" über den Atlantik laut Franz 1000 bis 1500 Reichsmark, während der Kabinenjunge im Monat 60 Mark verdiente. "Ich hätte es aber auch umsonst gemacht", sagt Franz lachend, und noch immer liegt die Faszination von damals in seiner Stimme.

Erst als er von den Ereignissen am 6. Mai 1937 erzählt, gerät er ins Stocken, muss das Gespräch kurz unterbrechen. Nach drei Tagen Fahrt näherte sich die "Hindenburg" dem Flugplatz in Lakehurst bei New York. Wegen eines Gewitters verzögerte sich die Landung. Bei dieser brach schließlich aus noch heute unbekannten Gründen ein Feuer im Heck des Schiffs aus. Der Wasserstoff im Inneren und die Stoffhülle brannten lichterloh und zerstörten die "Hindenburg" in Sekunden. "Ich war gerade in der Offiziersmesse, als ich die Explosion hörte. Ein starker Ruck ging durch das Schiff, das Geschirr fiel aus den Schränken. Durch das Fenster konnte ich schon das Feuer sehen", erinnert sich Werner Franz. Über das zerbrochene Geschirr rannte er auf den Laufsteg, der sich durch das gesamte Schiff zog, zu einer Ladeklappe. "Dort wollte ich rausspringen." Doch dann kippte die "Hindenburg" nach hinten. "Ich verlor den Boden unter den Füßen und konnte mich gerade noch an einem Halteseil des Laufstegs festhalten. Meine Bewegungen waren mechanisch, ich habe nicht mit dem Verstand gehandelt. Alles ging so schnell. Als ich da hing, ist mein Leben an mir vorbeigerauscht."

Doch es passierte auch etwas, das ihn womöglich rettete. "An der Seite des Laufstegs befanden sich Wassertanks. Bei einem war der Deckel offen. Als das Schiff kippte, ergoss sich das Wasser über mich", erzählt Franz. Es schützte ihn vor dem Feuer und brachte ihn zur Besinnung. "Als sich die Spitze des Schiffs wieder absenkte und ich Boden unter den Füßen hatte, trat ich die Klappe auf und sprang." Werner Franz entkam dem Inferno, unverletzt bis auf ein paar Kratzer.

Der Absturz der "Hindenburg" läutete das Ende der Zeppelin-Ära ein. Werner Franz begann schließlich doch eine Lehre als Feinmechaniker. Während des Zweiten Weltkrieges war er bei der Luftwaffe Bordfunker und Ausbilder. Später arbeitete er als Techniker im öffentlichen Dienst.

Nach der Pensionierung zogen Werner Franz und seine Frau nach Blieskastel. "Es fügte sich eins zum anderen", erzählt Franz. Der Bruder seiner Frau lebte im Saarland. Zudem hatte Franz dort bereits Kontakte geknüpft - zum Eis- und Rollsportclub Saarbrücken. "Ich war schon in Frankfurt Eis- und Rollkunstlauf-Trainer und hatte einige Schüler aus dem Saarland." 15 Jahre lebte das Ehepaar Franz in Blieskastel, bevor es zurück nach Frankfurt zog, wo Sohn und Enkel leben.

Die "Hindenburg"-Katastrophe hat das Leben von Werner Franz geprägt. "Danach habe ich ganz anders in die Zukunft geblickt. Ich hatte erfahren, was das Leben wert ist, dass man jeden Tag genießen sollte. Und das habe ich auch getan." Die schrecklichen Erlebnisse von Lakehurst haben ihn lange verfolgt, Panikattacken ausgelöst. Und noch heute schmerzen die Erinnerungen. Dennoch hat er seine Geschichte schon oft erzählt, bereits 1938 erschien ein Buch über ihn: "Kabinenjunge Werner Franz". Und auch den zweiteiligen Film über das Unglück, den RTL am Sonntag und Montag (jeweils um 20.15 Uhr) zeigt, will er sich anschauen. Werner Franz hält als Überlebender die Erinnerung wach - er ist der letzte, der es noch tun kann. "Allein der Gedanke, auf einem Zeppelin mitzufahren, war schon überwältigend."

Werner Franz

Hintergrund

Die "Hindenburg" war 245 Meter lang und hatte einen Durchmesser von bis zu 41,2 Metern - ein Prestigeprojekt der Nationalsozialisten. Vier Dieselmotoren erzeugten zusammen 4200 PS. Der Zeppelin war mit 200 000 Kubikmetern leicht brennbarem Wasserstoff gefüllt. 1936 nahm er den Liniendienst mit Post, Fracht und Passagieren auf.

Die Reisen galten als Luxus. Es gab Aussichtsterrassen, Schlafkabinen, Duschen, einen Speisesaal und sogar einen Rauchersalon. Wegen des feuergefährlichen Gases wurde der einzige Zigarettenanzünder an Bord streng verwahrt.

Am 6. Mai 1937 kam es bei der Landung in Lakehurst bei New York aus bis heute unbekannten Gründen zu einem Feuer, das die "Hindenburg" in nur 30 Sekunden zerstörte. 35 der 97 Menschen an Bord und ein Mitglied der amerikanischen Boden-Crew starben. Die Tragödie markierte das Ende der Zeppelin-Ära. dpa