Ein tierischer Lehrer

Saarlouis. Aylo, sieben Jahre alt, eilt die Treppe der Grundschule Römerberg in Saarlouis-Roden hinauf, und alle lächeln an diesem frühen Morgen: Die Kinder, die Lehrerinnen, die Lehrer, die ihm auf der Treppe begegnen. Immer noch, obwohl Aylo schon seit eineinhalb Jahren an drei Tagen in der Woche herkommt

Saarlouis. Aylo, sieben Jahre alt, eilt die Treppe der Grundschule Römerberg in Saarlouis-Roden hinauf, und alle lächeln an diesem frühen Morgen: Die Kinder, die Lehrerinnen, die Lehrer, die ihm auf der Treppe begegnen. Immer noch, obwohl Aylo schon seit eineinhalb Jahren an drei Tagen in der Woche herkommt. Immer noch rührt er die Menschen an, wie er in motorischer Meisterleistung jedes seiner vier Beine einzeln die Stufen hinauf schafft. Das Lächeln allein verändert den Tagesbeginn an dieser Schule.

Dazu ist Aylo auch hier: um das Leben der Grundschüler zu verändern. Aylo, ein Labrador mit glänzendem Fell, ist ein Schulhund. In Gesetzen und Schulordnungen kommt er nicht vor, und durch diese Lücke ist er reingekommen. Denn, so sagt seine Besitzerin, Lehrerin Yvonne Notzon, verboten ist er ja auch nicht.

Notzon ist Lehrerin der Klasse 3.3. Aylo hat sie von Anfang an mitgebracht. Sie liebt Hunde. Aus vielen Untersuchungen weiß sie, dass Hunde gute Lehrer sein können. Aylo besuchte wie viele seine Artgenossen eine Hundeschule und wurde unter anderem als Rettungshund ausgebildet. Notzon hatte ihn aus einem Wurf ausgesucht, weil er sie als einziger der Welpen aufmerksam anschaute, aber ansonsten träge liegenblieb. Wie jetzt im Klassenraum auf seiner Unterlage. Aylo ist stressresistent und höchst verträglich. "Er bellt nicht gern", erzählt Niklas gleich. Heute Morgen schlappt der Schulhund in seine Klasse und macht seinen Begrüßungsrundgang. Von einem zum anderen Kind. Ein Junge ganz hinten ist heute traurig. Aylo legt sich zu ihm, schmiegt sich an seine Beine. Die Lehrerin: "Aylo legt sich besonders gern zappeligen Kindern auf die Füße. Das beruhigt sie."

Aylo habe ihr sogar mal das Leben gerettet, davon ist Schülerin Jana weiter vorne überzeugt: "Da lag was auf dem Boden, und ich bin gestolpert. Er hat mich festgehalten." Das kommt freilich selten vor in der 3.3, dass was auf dem Boden liegt. "Wir dürfen nichts liegen lassen, auch nicht unter der Bank. Sonst frisst Aylo das, und das soll er nicht", erklärt Jacqueline eine der wichtigsten Aylo-Regeln. Leon fügt hinzu: "Wir dürfen nicht so viel rumrennen. Weil Aylo dann denkt, wir wollen mit ihm spielen." In der Klasse ist es recht leise. Denn, so erzählen die Kinder, "Hunde hören alles viel lauter".

Meistens liegt Aylo auf seinem Tuch und ruht. "Er schnarcht", berichtet Endiya. Was die Kinder amüsiert und - wie die Lehrerin beobachtet - "bei Klassenarbeiten zu mehr Konzentration führt". Der Hund wirkt auf die Schüler beruhigend. "Wenn Aylo da ist, geht die Nervosität der Kinder runter." Der Hund, sagen die Kinder wie im Chor, ist unser Glücksbringer. "Das trifft es", meint Notzon.

Aylo ist aber nicht einfach bloß anwesend. Die Kinder üben auch den Umgang mit dem Hund. "Sie lernen vor allem, in Stimmen und Gestik eindeutig und klar zu sein", sagt Notzon. Heute jedoch ist Aylo ein bisschen zerstreut. Ein Mädchen wirft einen roten Ball. "Aylo, hol' ihn." Er muckst sich nicht. Der Befehl ist nicht eindeutig, nicht klar genug, sagt die Lehrerin. Aber das ist es gar nicht. Neuer Versuch, diesmal mit "Quietschi", einem Hunde-Spielzeug. Aylo sucht "Quietschi" und bringt es in Sicherheit. So verhält sich Aylo immer, wenn er verliebt ist, erklären die Kinder. Deswegen ist er heute so ruhig, so abwesend und mag auch nicht bellen. "Gib Laut", ruft ein Junge, aber Aylo gibt keinen Laut von sich.

Schulhund darf Aylo sein, weil Schulleiter Cornell Wegmann ihn als pädagogische Maßnahme definiert hat, "tiergestützte Pädagogik" ist das Fachwort. Hunde seien dafür besonders geeignet, erklärt Lehrerin Notzon. Denn sie reagierten auf Ansprache und ließen sich trainieren. Bevor Aylo kam, mussten alle Eltern gefragt werden, und zum Glück für die Klasse ist kein Kind gegen Hunde allergisch. Auch Lehrer anderer Klassen haben Aylo schon mal um einen Gastauftritt gebeten.

Die Stunde ist zu Ende. Aber es ist nicht die Lehrerin, die den Hund in die Pause bringt, sondern der "Aylo-Dienst". Reihum je zwei Schüler geben ihm Wasser, führen ihn an der Leine, trippel, trippel, die Treppe runter auf den Pausenhof.

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