Ein Sprint-Wunder in 9,69 Sekunden

Peking. So einen Sprint hatte die Welt noch nicht gesehen: Wie ein Außerirdischer stieß Usain Bolt am Super-Samstag in neue Sphären vor und wollte nach dem Fabel-Weltrekord von 9,69 Sekunden nur noch "nach Hause telefonieren"

Peking. So einen Sprint hatte die Welt noch nicht gesehen: Wie ein Außerirdischer stieß Usain Bolt am Super-Samstag in neue Sphären vor und wollte nach dem Fabel-Weltrekord von 9,69 Sekunden nur noch "nach Hause telefonieren". Am anderen Ende der Leitung gratulierte Jamaikas Ministerpräsident Bruce Golding dem schnellsten Mann auf dem Erdball zu seinem Gold-Coup, bei dem es 91000 Zuschauern im "Vogelnest" und mehr als einer Milliarde Menschen an den Fernsehschirmen den Atem verschlug. "Er hat mir gesagt, dass das ganze Land stolz auf mich ist", berichtete der 21-Jährige. Nach 90 Metern Pflicht und zehn Metern Show überquerte Bolt lässig tänzelnd in unglaublichen 9,69 Sekunden die Ziellinie. Selbst Silbermedaillengewinner Richard Thompson, von Gold-Bolt um zwei Zehntel distanziert, verstand die Welt nicht mehr. "Es ist schon komisch, wenn du ihn schon vor dem Ziel abstoppen siehst und selbst noch mächtig pumpen musst", meinte der Mann aus Trinidad & Tobago. "An den Weltrekord habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich wollte heute gewinnen und Olympiasieger werden - sonst nichts", meinte Bolt, der seinen 2,7 Millionen Landsleuten das erste Olympia-Gold eines Jamaikaners über 100 Meter schenkte. Bolt blieb als erster Mensch der Welt unter 9,70 Sekunden. Am Mittwoch will er im 200-Meter-Finale noch einen draufsetzen und erstmals seit Carl Lewis vor 24 Jahren in Los Angeles das olympische Sprint-Double hinlegen.Als am Samstagabend, 22.30 Uhr Ortszeit, in Peking die acht Finalisten in die Blöcke stiegen, herrschte im weiten Rund knisternde Spannung. Nur das Rotor-Geräusch eines Hubschraubers über der futuristischen Arena störte die Stille vor dem Schuss. Bolt hatte die zweitschlechteste Reaktionszeit, aber die unglaublichste Beschleunigung. Nach 90 Metern war das Rennen gelaufen: Der Mann auf Bahn vier drehte sich triumphierend zur Seite, hob seine Arme und schlug sich mit der Faust an die Brust. Leicht und locker lief er in seinen goldenen Spikes, den linken Schuh offen, ins Ziel. Unglaublich."Bolt-Blitz" und "Usain insane" (Wahnsinns-Usain) titelte der "San Franciso Chronicle" überschwänglich. 20 Jahre nach dem "Urknall" von Dopingsünder Ben Johnson in Seoul sah die Sportwelt wieder einmal staunend zu, wie ein Mensch in neue Sphären vorstieß. Physik oder Pharma? Die Frage steht im Raum - und Bolt unter Beobachtung. In Peking soll der "Reggae-Boy", der seinen Weltrekord vom 31. Mai in New York um 3/100 verbesserte, schon mehrfach Besuch von Dopingfahndern bekommen haben. Bislang ohne Auffälligkeiten. Mit seinen 9,69 Sekunden scheint er längst noch nicht am Ende. "Es gibt Leute, die sagen, dass ich 9,60 rennen kann", meinte Bolt. Oder schneller.Herb Elliott stehen derweil die Tränen in den Augen. Warum, wird nicht so richtig klar. Ist es die Freude, die abfallende Anspannung oder das Wissen um die Zweifel, denen auch Usain Bolt, der schnellste Mann der Welt, nicht davonrennen kann? Der Arzt des jamaikanischen Leichtathletik-Teams muss sich der Skepis in den Tiefen des National-Stadions schon kurz nach dem lässigen Lauf des 22-Jährigen stellen, anders geht es ja gar nicht, wenn einer 30 Meter vor dem Ziel schon anfängt zu jubeln und einen Fabelweltrekord von 9,69 Sekunden aufstellt. Faszination und Bewunderung, aber auch Ungläubigkeit und Widerwillen - so ein Lauf löst vielfältige Emotionen aus.Herb Elliott verweist auf die Tests, die regelmäßig durchgeführt würden bei Bolt und den anderen schnellen Männern von der Karibikinsel. Negative Tests, sauberer Athlet, das will der Arzt die Welt glauben lassen - doch wäre es so einfach im Sport der Neuzeit, säße die US-Sprinterin Marion Jones, die niemals positiv getestet wurde und doch gedopt war, jetzt nicht im Gefängnis. Elliott bemüht sich in der Olympianacht des Usain Bolt redlich, ihn als unschuldigen, braven Jungen dar zu stellen, der einfach nur ein bisschen schneller laufen kann als andere. Kein Außerirdischer, kein Wunder der Chemie. Sondern nur "ein ganz normales Kind". Das nach eigenen Angaben am liebsten lange schläft und Chicken-Nuggets isst. "Wenn ihr Zweifel habt, kommt zu uns und seht euch unsere Programme und unser Dopingtests an", sagt Elliott.Am Ende der jamaikanischen Weltrekord-Nacht sind seine Tränen getrocknet. Und Usain Bolt hat vor aller Augen einen Müsliriegel gegessen. Saubere Energie. Die braucht er, denn das Spektakel ist ja noch nicht vorbei. Für Bolt stehen noch die 200 Meter und die Sprintstaffel auf dem Programm.

HintergrundAm 24. September jährt sich das Sprintfinale der Olympischen Spiele von Seoul 1988 zum zwanzigsten Mal. Eine unangenehme Erinnerung. Denn seit dem Triumph des aus Jamaika stammenden Kanadiers Ben Johnson und seinem darauf folgenden tiefen Fall wegen Dopings ist die Welt des Sports eine andere geworden. Eine bessere? Daran darf gezweifelt werden. Nur einer der fünf Olympiasieger seit 1988 kann nicht mit Doping in Verbindung gebraucht werden: Donovan Bailey, der Erste von Atlanta 1996. red

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