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Ein Monument für Politiker-Reden

Ein Monument für Politiker-Reden

Zwei Millionen Euro soll sie kosten, die neue Fassade für den Erweiterungsbau der Saarbrücker Modernen Galerie. Und sie soll den Text einer Landtagsdebatte dokumentieren. Ist das die richtige Textwahl?

Ein "architektonisches Verbrechen" nannte Heinz Bierbaum (Linke) am 9. April im Saar-Parlament den Vierten Pavillon für die Moderne Galerie. Und genau diese Beschimpfung hätte der mittlerweile sehr stimmig umgeplante "Problembau" auf seiner Außenhaut getragen. Dazu jedes weitere einzelne Wort dieser klassischen Durchschnitts-Kultur-Debatte. Fassaden- und Bodenplatten sollten damit "bedruckt" werden. Doch die Landtagsdebatte ist nur zweite Wahl. Ursprünglich hatte der Frankfurter Künstler Michael Riedel die Verschriftung der Vergabe-Besprechung für das Berliner Architektenbüro Kuehn Malvezzi vorgesehen. Doch dafür bekam er kein Plazet dieser Kommission. Riedel, ein sehr gefragter Protagonist der internationalen Kunstszene, geht es um Kommunikation und ihre Überführung in andere Zeichen-Systeme. Und weil diese so ist, kann er sich auch einen anderen Text als die Polit-Debatte vorstellen, etwa eine Bürger-Versammlung zu den Entwurfsplänen, die verschriftet werde. Der Text sei verhandelbar, das sagte Riedel gestern der SZ. Jedoch nicht gänzlich frei wählbar. Allgemeine philosophische oder poetische Statements kommen für Riedel nicht in Frage. Die Plenardebatte hat er beispielsweise gewählt, weil sie für ihn den historischen Moment markiert, "an dem das Projekt wieder nach vorne gedacht wurde".

Riedel geht es auch nicht vordringlich um Lesbarkeit, sondern um eine "ästhetische Formulierung". Er "malt" mit Buchstaben, schafft graphische Strukturen. Deshalb würde auch im Falle eines Text-Tauschs die optische Anmutung, die das Kuratorioum abgesegnet hat, nahezu identisch bleiben.

Was aber genau ist vorgesehen? Ein strenges Raster wird über das neue Museums-Quartier gelegt. Vier Mal vier Meter groß sind die gegossenen Werkstein-Platten, in die die Schrift eingefräst wird. Anschließend füllt man die Buchstaben mit schwarzer Farbe auf. Der Text läuft ohne Satzzeichen als Kontinuum, die Redner werden anonymisiert. Schriftgröße: fünf Zentimeter. Taucht das Wort Museum auf, ist es allerdings 80 Zentimeter groß, sendet ein Signal. Laut Riedel passiert dies im Landtagstext 44 Mal. 5000 Quadratmeter bedruckte Steinfläche soll es an der Fassade und rund um das Museum geben. Insgesamt vier Mal muss dafür der Text "gedruckt" werden. Von vier Seiten fließt er auf die Fläche, stößt auf die Kanten des neuen Kubus, dort wird der Text hoch geklappt. Man bewegt sich in einem Textfeld. Es soll keinen Deutungs-Hinweis, keine Tafel geben, der die Herkunft des Textes erläutert. Eine mystische Veranstaltung, das große Rätselraten? Riedel sagt: "Es ist keine Pinnwand, es ist ein Kunstwerk, es muss sich nicht selbst erklären." Riedel übernimmt das gern - und findet offensichtlich den Ton, der Akzeptanz fördert. Provokation oder Peinlichkeit? Wird der Vierte Pavillon nochmal zum Aufreger-Thema? Dem Vernehmen nach endete eine Bürger-Fragerunde beim "Tag der Offenen Tür" am Sonntag in Harmonie. Niemand forderte das Eingreifen von Kulturminister Ulrich Commercon (SPD ). Der sagt der SZ: " Meine Aufgabe besteht nicht darin, Künstlern Vorgaben für ihre Werke zu machen. Das wäre so, als hätte man seinerzeit Franz Marc gedrängt, sein Blaues Pferdchen grün zu malen. Akzeptanz von Kunst kann sich nur aus der Auseinandersetzung mit ihr ergeben." Wie man aus Kuratoriumskreisen hört, hatte das Gremium am Freitag aber noch nicht die rechte Streitlust. Die Fassadengestaltung habe im Beschluss-Paket keine entscheidende Rolle gespielt. Ob die Bürger das ebenso sehen?