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Ein Leben lang zur Dialyse?Zahl der Ehec-Neuinfektionen geht zurück - Bislang 39 Tote

Ein Leben lang zur Dialyse?Zahl der Ehec-Neuinfektionen geht zurück - Bislang 39 Tote

Für viele Menschen wird Ehec nie der Vergangenheit angehören. Mediziner gehen davon aus, dass einige Patienten, die an dem nierenschädigenden hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) erkrankt sind, lebenslang an den Folgen leiden werden. Die Fachgesellschaft für Nierenheilkunde drängt auf eine Neuregelung des Transplantationsgesetzes

Für viele Menschen wird Ehec nie der Vergangenheit angehören. Mediziner gehen davon aus, dass einige Patienten, die an dem nierenschädigenden hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) erkrankt sind, lebenslang an den Folgen leiden werden. Die Fachgesellschaft für Nierenheilkunde drängt auf eine Neuregelung des Transplantationsgesetzes.Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte am Wochenende in einem Zeitungsinterview auf die massiven Folgeschäden für Ehec-Erkrankte hingewiesen. Nach seinen Worten sind etwa 100 Patienten so stark nierengeschädigt, "dass sie ein Spenderorgan brauchen oder lebenslang zur Dauerdialyse müssen".

"Das Ausmaß der Folgeschäden kann man noch nicht abschließend beurteilen", sagt Professor Reinhard Brunkhorst, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). Noch gebe es Hoffnung, dass bei den Betroffenen die Nierenfunktion wieder in Gang komme. "Es besteht aber durchaus die Gefahr, dass einige an der Dialyse bleiben oder transplantiert werden müssen", sagt der Nierenspezialist, der in Hannover mehr als zwei Dutzend HUS-Patienten behandelt hat.

Nicht alle, die jetzt Ehec überleben, werden möglicherweise die Zeit auf der Warteliste für ein Spenderorgan überstehen. Rund 8000 Menschen warten nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt auf eine Spenderniere. 2010 wurden in Deutschland 2250 Nieren von Hirntoten entnommen, 655 Nieren wurden von Lebenden gespendet, wie ein Blick in die Tabellen der DSO zeigt. "Die Wartezeit beträgt fünf bis sieben Jahre", sagt DSO-Sprecherin Birgit Blome. Jeden Tag sterben im Durchschnitt drei Menschen, weil sie kein passendes Spenderorgan bekommen.

Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie ist das völlig "unakzeptabel". Nicht nur, dass die Patienten jahrelang an der Dialyse hängen "und dabei immer kränker werden: Häufig ist es auch so, dass sie dabei eine Altersgrenze erreichen, wo sie gar nicht mehr transplantiert werden". Der Organ-Mangel führe außerdem dazu, "dass die für die Transplantation akzeptierten Organe von immer schlechterer Qualität sind, so dass viele Patienten aus der Not mit Organen transplantiert werden, die in anderen Ländern zur Transplantation nicht zugelassen würden".

Als ein Grund für die wenigen Organspenden in Deutschland - in vergleichbaren Ländern wie Österreich ist die Zahl deutlich höher - gilt die im Transplantationsgesetz festgelegte "Zustimmungslösung": Nur wer zu Lebzeiten explizit zugestimmt hat, kommt nach dem Tod als Organspender infrage. Andere Länder haben eine "Widerspruchslösung": Jeder kann nach dem Tod zum Spender werden, wenn er nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat.

Für Brunkhorst wäre das der bessere Weg: "Es gibt für mich keinen nachvollziehbaren Grund, das Transplantationsgesetz nicht zu ändern: Wieso ist es ethisch besser, keine Widerspruchsregelung einzuführen, als diese Patienten weiterhin zu dialysieren?" Er hofft, dass Ehec dazu führt, "dass die Debatte neu in Gang kommt".Berlin/Frankfurt. Die Zahl der Ehec-Todesopfer steigt, doch die Ursache für den Ausbruch ist nach wie vor unklar. "Die heißeste Spur sind weiterhin die Sprossen", sagte Miriam Ewald, Sprecherin des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), gestern. Deshalb rät die Behörde noch immer vom Verzehr roher Sprossen ab. Auch selbstgezogene Pflanzen und Keimlinge sollen nicht gegessen werden. Denn auch das Saatgut bleibt im Verdacht, mit dem Erreger belastet zu sein. Die Warnung vor Sprossen werde erst aufgehoben, wenn sich die Quelle für den Ausbruch findet oder es keine Neuinfektionen mehr gibt, ergänzte Ewald.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) starben in Deutschland bisher mindestens 38 Menschen durch die Epidemie. 25 von ihnen hatten die schwere Komplikation HUS (hämolytisch-urämisches Syndrom), die Nieren und Nervensystem schädigt. Auch in Schweden starb ein Mensch. Aus welchem Bundesland das 38. Todesopfer in Deutschland stammt, konnte das Institut zunächst nicht sagen.

Seit Anfang Mai sind laut RKI bundesweit bisher 3304 Ehec-Fälle bekannt, davon 786 mit dem schweren HUS-Verlauf. Die Zahl der Neuinfektionen ging aber spürbar zurück. Von Mittwoch auf Donnerstag kamen bundesweit nur 48 Ehec-Fälle dazu.

In Hessen wurde gestern ein Hof wegen Ehec auf Salat geschlossen - auch hier handelt es sich aber nicht um den aggressiven Typ. Der Erreger gelangte vermutlich mit verunreinigtem Wasser auf den Salat. dpa