Ein Kopfschuss spaltet Israel

Es ist einer der emotionalsten Prozesse in der Geschichte Israels. Ein Soldat schießt einem verletzten palästinensischen Attentäter in den Kopf. Für die einen ist er ein Mörder, für die anderen ein Held. Seine Verurteilung wegen Totschlags birgt sozialen Sprengstoff.

"Es wird hier einen Bruderkrieg geben!", schreit eine blonde Frau in Tel Aviv aus vollem Hals. Mit mehr als 100 anderen Demonstranten steht die 31-jährige Idal Scharon vor dem Militärhauptquartier. Dort wird gerade der Schuldspruch gegen den Soldaten Elor Asaria verlesen, der im vergangenen März einen verletzt am Boden liegenden Palästinenser mit einem Kopfschuss getötet hat. Das Militärgericht verurteilt ihn am Mittwoch wegen Totschlags.

Der emotionsgeladene Prozess gegen den Kampfsanitäter hat Israel gespalten. Rechte Politiker kritisierten das Urteil und wollen sich für eine sofortige Begnadigung Asarias einsetzen. Die Anhänger Asarias toben vor Wut. Ihre Empörung richtet sich gegen Linke und die Medien. Einige Demonstranten haben sich in große blau-weiße Israel-Flaggen gehüllt, andere tragen gelb-schwarze Schals des Fußballclubs Beitar Jerusalem, dessen Fans für rassistische Ausfälle bekannt sind. Schwarz vermummte Mitglieder von "La Familia", dem ultra-rechten harten Kern der anti-arabischen Fans, werden aggressiv. Sie reißen einer Journalistin den Schreibblock aus der Hand.

"Wer Dich töten will, den musst Du zuerst töten!" fordert ein Mann mit Lautsprecher. Das Urteil gegen Asaria sei "eine Schande für den Staat Israel", ruft ein Mann mit weißer Kipa. "Der Teufel soll Euch holen, Betselem!" Ein Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Betselem hatte den entscheidenden Beweis gegen den Soldaten geliefert. Er filmte den grausigen Vorfall in Hebron im Westjordanland. Auf dem Video ist zu sehen, wie der 21-jährige palästinensische Attentäter verletzt am Boden liegt, nur leicht seinen Kopf bewegt. Ein Soldat, den der Palästinenser mit einem Messer verletzt hat, wird medizinisch versorgt. Plötzlich hebt Asaria sein Gewehr und schießt dem auf dem Rücken liegenden Attentäter ohne Vorwarnung in den Kopf. Viel Blut fließt die abschüssige Straße in Hebron hinunter.

Der Prozess gegen Asaria hat in Israel eine heftige Kontroverse darüber ausgelöst, unter welchen Umständen Soldaten auf Palästinenser schießen dürfen. Der Fall ist besonders relevant wegen einer Welle palästinensischer Anschläge, bei denen seit Oktober 2015 insgesamt 37 Israelis getötet wurden. Mehr als 250 Palästinenser kamen in der Zeit ums Leben, die meisten davon wurden bei ihren eigenen Anschlägen erschossen. Die Palästinenserbehörde und Menschenrechtler werfen den Soldaten immer wieder vor, sie seien zu schießwütig.

In dem kleinen Gerichtssaal innerhalb des Militär-Hauptquartiers drängen sich am Vormittag etwa 50 Menschen. Asaria sitzt neben seinen Eltern, seine Mutter nimmt ihn immer wieder in den Arm. Sein Vater hat während des aufwühlenden Prozesses einen Schlaganfall erlitten. Die Vorsitzende Richterin Maja Heller verliest fast drei Stunden lang die Urteilsbegründung. Sie nimmt ein Argument der Verteidigung nach dem anderen auseinander. Asaria, der zunächst zuversichtlich wirkt, wird immer ernster. Seine Erklärung, er habe auf den Palästinenser geschossen, weil er befürchtet habe, dieser könne unter seiner Jacke einen Sprengstoffgürtel tragen und diesen zur Explosion bringen, nimmt ihm die Richterin nicht ab. Asaria habe nicht aus Selbstverteidigung gehandelt, sagt sie.

Das sieht eine Mehrheit der Israelis anders. Nach einer Umfrage unterstützen 65 Prozent der jüdischen Israelis das Vorgehen Asarias als Selbstverteidigung. Am höchsten war die Unterstützung mit 84 Prozent bei jungen Israelis im Alter von 18 bis 24 - dem Alter, in dem viele in der Volksarmee dienen. Der Armeedienst ist Pflicht - für Frauen zwei, für Männer knapp drei Jahre. Das Militär nennt sich selbst gern die "moralischste Armee der Welt" und ist stolz auf seinen Ethik-Kodex, bekannt als "Reinheit der Waffen". Doch der Fall Asaria untergräbt diesen moralischen Anspruch. Der Soldat habe aus Rache für die Verletzung seines Kameraden und "ohne Not" geschossen, sagte die Richterin.

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