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Ein Körper, auf den Bauch gedreht

Ein Körper, auf den Bauch gedreht

Homburg. Totenstille ist etwas anderes. Wie in der Umkleide eines Schwimmbades drängen sich die Medizinstudenten im Kachelgang. Grußworte fliegen vorbei, Spindtüren klappern, Nachzügler knöpfen sich im Lauf die Kittel zu. Geradeaus, links und rechts strömen die Studenten in die drei Präpariersäle. Niemand will zu spät kommen, niemand die Stimme senken. Bloß keine Unsicherheit

Homburg. Totenstille ist etwas anderes. Wie in der Umkleide eines Schwimmbades drängen sich die Medizinstudenten im Kachelgang. Grußworte fliegen vorbei, Spindtüren klappern, Nachzügler knöpfen sich im Lauf die Kittel zu. Geradeaus, links und rechts strömen die Studenten in die drei Präpariersäle. Niemand will zu spät kommen, niemand die Stimme senken. Bloß keine Unsicherheit. Nicht heute - am ersten Tag des Anatomie-Kursus in der Uni-Klinik Homburg.

"Der Tod wird den Arzt immer begleiten", sagt Professor Gunther Wennemuth, Leiter des Instituts für Anatomie, über das Gewirr hinweg. "Das ist etwas Wichtiges, was die Studierenden lernen müssen." Mit festem Schritt durchquert er die Säle, wo er mit drei Ärzten und acht studentischen Hilfskräften, den so genannten Moniteuren, die Arbeit an den 19 Toten übersehen wird. Pro Leiche sind zwölf Studenten zugeteilt. Bis Januar sollen die Drittsemester die Körper zerlegen und so die Funktionen von Haut, Muskulatur, Gefäßen, Nerven, Knochen und inneren Organen erlernen.

Im mittleren Präpariersaal wartet Nora Müller am vordersten Seziertisch. Ihre Augen unter den dunklen Brauen blicken unruhig. Fürs Zahnmedizinstudium hatte sich die 20-Jährige entschieden, weil sie die Technik, die Fingerfertigkeit interessierten. Und "die Arbeit mit Leuten". Doch bevor die Lebenden kommen, gilt es, den Toten zu begegnen. "Ich habe noch nie eine Leiche gesehen", gesteht Nora. "Am liebsten wäre es mir, wenn mich jemand am Händchen reingeführt hätte. Damit ich einmal vorsichtig schauen kann - und dann wieder raus." Aber Nora muss bleiben. Still starrt sie auf den Körper, von dem nun das Tuch gezogen wird. Ein Mann, auf den Bauch gedreht. Gelblich, wächsern und kahl rasiert, alle Individualität verflogen. Der Rücken ist lila verfärbt - Totenflecke.

Das kann nicht das Lächeln von Sebastian Lotts Gesicht wischen. "Mir macht das nicht so viel aus", sagt Noras Kommilitone. "In meinem Pflegepraktikum im Krankenhaus habe ich schon einige Tote gesehen." Dabei hat Sebastian Krankenhäuser früher gemieden. Erst eine Erkrankung in der Familie änderte dies. "Dadurch habe ich die Arbeit der Ärzte kennen gelernt und gedacht: Ja, das macht Sinn." Mittlerweile ist der 22-Jährige "felsenfest überzeugt", dass dies das Richtige für ihn ist. Er kann es kaum erwarten, ein Skalpell in die Hand zu nehmen. "Ich freu' mich drauf. Ich will ja Chirurg werden."

Dann ruft Dr. Kurt Becker zur Inspektion der Leiche. "Männlich, Alter 61, gestorben an Herzkreislaufversagen", gibt der Arzt mit dem großen Schnauzbart zu Protokoll. Die Studenten sollen nach äußeren Verletzungen, Einschnitten und Narben suchen. Becker lässt die Leiche auf die Vorderseite drehen, dann wieder zurück. Der Körper hat kaum Falten, ist prall vom Chemikalienmix, mit dem das Blut ausgewaschen und so der Leichnam desinfiziert und haltbar gemacht wurde. Nach Tod riecht der Korpus nicht mehr. Nur nach Chemie.

Ein Moniteur geht die Liste der zu präparierenden Körperregionen durch. "Wer ist Zahni?" fragt er, worauf Nora als Einzige zaghaft die Hand hebt. "Okay, dann machst du den Kopf." Sie blickt schicksalsergeben. "Wer macht den oberen Rücken?" fragt er weiter. Dieses Mal melden sich Sebastian und ein Kommilitone. So geht es fort, bis hinab zu den Füßen.

Dann greift der zweite Moniteur nach dem Skalpell: Hanna Glatthaar setzt den ersten Schnitt - heute wird die Haut entfernt. Plötzlich sind die Studenten still. Noras Gesicht wirkt eingefroren, Sebastians Lächeln unnatürlich. Das Skalpell fährt in die wächserne Haut der Leiche. Wie ein Messer durch eine Orangenschale, die, wenn das Messer weiter gezogen wird, sich hinter der Klinge wieder schließt. "Kommt ruhig näher", sagt Hanna. "Ihr könnt die Leiche auch anfassen." Die Studenten strecken die Hände aus, betasten scheu Bauch, Arme, Beine des Toten. Durch die Gummihandschuhe fühlt er sich kalt an. Dann senkt Hanna abermals das Skalpell in die Haut, führt die Klinge nach oben Richtung Kopf. Im Nackenbereich bleibt das Messer stecken, zu dick ist hier die Haut. Nora wendet kurz das Gesicht ab, Sebastians Lächeln erlöscht.

"So, holt mal eure Skalpelle", fordert Becker die Gruppe auf. Er beobachtet, wie Sebastian einen quadratischen Hautlappen am Schulterblatt mit der Pinzette packt, vorsichtig mit dem Skalpell darunter fährt. "Achtet drauf, dass ihr die richtige Schicht erwischt", sagt Becker und zeigt Sebastian, wo er schneiden soll: zwischen Haut und gelbem Unterhautfettgewebe. Derweil setzt Nora das Skalpell am Hinterkopf an. Es ist schwer, die Haut anzuheben, da sie sich dicht am Schädel spannt. "Sie müssen das Skalpell kürzer greifen, wie einen Kugelschreiber", rät Becker. Immer wieder muss Nora die Kopfhaut auf Spannung ziehen, damit sie mit kleinen, präzisen Bewegungen schneiden kann. Am Kopf gibt es nur eine dünne Schicht Fett, durch die der Schädel hervorschaut, wenn die Klinge zu tief rutscht.

So vergehen drei Stunden, bis die Hautlappen hinab zu den Seiten des Körpers reichen. Sie werden nicht entfernt. Sie sollen den Rücken abdecken, wenn morgen die Arbeit an der Vorderseite beginnt. Sebastian lässt entspannt die Finger knacken, worauf Nora mit einem angewiderten "Aufhören" reagiert. Alle lachen. Ein befreiendes Lachen.

Schließlich schieben sich Sebastian und Nora mit dem Strom der Studenten hinaus in den Flur. "Das war gar nicht so schlimm, wie ich's mir vorgestellt habe", sagt sie mit froher Stimme. "Die Konzentration war das Schwierigste", ergänzt er, das Lächeln wieder fest am Platz. Mit einem Winken driften die beiden davon. Alles drängt zu den Spinden und Ausgangstüren. Kittel werden ausgezogen und verstaut, Abschiedsworte zugerufen. Im Präpariersaal werden die Leichen abgedeckt. Licht aus. Tür zu. Jetzt herrscht Totenstille.

Hintergrund

Bei einer Körperspende wird der eigene Leichnam einem anatomischen Institut zu Lehr- und Forschungszwecken vermacht. An der Uni-Klinik Homburg sind etwa 3400 Personen als Spender registriert. Motivation kann sein, der Medizin einen Dienst leisten oder Hinterbliebene finanziell entlasten zu wollen. Zwar müssen Spender eine Beteiligung von 1100 Euro für Einäscherung, Friedhofsgebühr und Ähnliches zahlen, doch liegen die Kosten deutlich unter denen einer normalen Bestattung. Informationen unter Tel.: (06841) 1626140. ith