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Anschlag Nizza: Ein Jahr danach – und Nizza trauert immer noch

Anschlag Nizza : Ein Jahr danach – und Nizza trauert immer noch

Der Lkw-Anschlag an der Strandpromenade der südfranzösischen Metropole erschüttert noch heute das ganze Land.

() Das azurblaue Wasser des Mittelmeers würde als Vorzeige-Kulisse im Reisekatalog taugen. Sonnenanbeter liegen auf ihren Handtüchern, ein junges Paar macht Fotos – Urlaubs-Normalität in Nizza an der Côte d‘Azur. Doch wenige Meter entfernt patrouillieren vier Militärs im Tarnanzug über die Strandpromenade, die Hände an ihren Sturmgewehren.

Ganz in der Nähe erinnert seit kurzem ein großes Herz an die 86 Menschen, die hier am 14. Juli 2016 aus dem Leben gerissen wurden. Ein Jahr nach dem verheerenden Lastwagen-Anschlag gedenkt die Stadt am kommenden Freitag der Opfer. Der Jahrestag wühlt die Erinnerungen an den Horror jener Nacht auf, als der 31-jährige Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlel mit einem 19-Tonner durch die Menschenmenge auf der „Promenade des Anglais“ (Promenade der Engländer) raste. Der Anschlag am Nationalfeiertag versetzte dem terrorgeplagten Land einen weiteren schweren Schlag.
Heute steht die für ihr italienisches Flair bekannte Stadt zwischen Trauma und Blick nach vorn. „Insgesamt haben die Leute sich ein Jahr danach nicht erholt“, sagt Emilie Petitjean. Die 36-Jährige ist die Vorsitzende des Opfervereins Promenade des Anges (Promenade der Engel), sie hat bei der Attacke ihren zehnjährigen Sohn Romain verloren. „Manche sind noch am gleichen Punkt wie am 14. Juli um 22.34 Uhr.“Die zierliche Frau erzählt, wie sie damals den Anruf ihres Ex-Manns bekam, der mit dem Jungen unterwegs war. „Ich habe nicht mal geweint, weil ich das nicht realisiert habe“, sagt Petitjean. Die Tränen kamen später, tags und nachts, wochenlang. Sie erzählt, dass sie Romain nach den Pariser Anschlägen versprochen hatte, alles zu tun, um ihn zu beschützen. „Dir wird nichts geschehen. Das habe ich meinem Sohn gesagt“, berichtet sie mit brechender Stimme. „Ich werde mein ganzes Leben unglücklich sein.“

In dem Goldenen Buch neben der provisorischen Gedenkstätte – die endgültige soll erst später entstehen – finden sich herzzerreißende Einträge. „Für Mama, wir werden dich nie vergessen“, steht da in Kinderschrift.

Am Jahrestag reist auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron an. Geplant sind eine Militärparade zum Nationalfeiertag, Schweigeminuten, ein Gedenkkonzert. Abends werden 86 Lichtsäulen in den Himmel steigen, am gleichen Tag werden 86 blau-weiß-rot angemalte Kieselsteine vom Strand von Nizza auf einem 6000er-Gipfel im Himalaya abgelegt.

„Für die Familien wird das ein schwieriger Moment“, sagt Stadträtin Catherine Chavepeyre-Luccioni, die für Opferhilfe zuständig ist. Für Nizza sei der Tag aber auch „ein Moment der Wiedergeburt“.

Ein Jahr lang hat die Stadt auf der Promenade keine Veranstaltungen erlaubt – das soll sich nun ändern. „Ab dem 15. Juli wird das Leben komplett auf die Promenade des Anglais zurückkehren“, sagt der für Tourismus zuständige Beigeordnete Rudy Salles. 20 Millionen Euro hat die Verwaltung ausgegeben, um den Vorzeige-Boulevard neu herzurichten.

Der für Nizza so wichtige Tourismus ist wieder angesprungen. In den Monaten nach der Attacke sei die Zahl der Besucher um zehn Prozent gefallen, sagt Salles, der Umsatz sogar um 20 Prozent. Seit Dezember geht es aber wieder bergauf:

Nizza war der dritte große Anschlag in eineinhalb Jahren, das Land schien kurz vor der Zermürbung, die Opposition griff die Regierung scharf an. Die aufgeheizte Debatte um Burkini-Verbote an mehreren Stränden ist nur vor dem Hintergrund dieser Stimmung zu verstehen. Inzwischen haben die Wogen sich etwas geglättet.

Für die Opfer bleiben Fragen offen. Nicht zuletzt die nach der Verantwortung. Stadt und Regierung hatten sich eine Schlammschlacht geliefert, die ohne klares Ergebnis blieb. Die Ermittler fanden schnell Hinweise auf eine islamistische Radikalisierung des Attentäters. Doch obwohl der Islamische Staat (IS) die Tat für sich reklamiert hatte, sind bisher keine Verbindungen zu der Terrororganisation bekannt.

Emilie Petitjean erzählt, dass sie nie mehr so leben werde wie zuvor. Ihr jüngerer Sohn, Romains Halbbruder, werde niemals zu einem Feuerwerk oder zum Karneval gehen. „Ich habe es gerade so geschafft, ihn ins Kino mitzunehmen“, erzählt sie. Für viele Angehörige sei es sehr wichtig, dass am Jahrestag über Nizza gesprochen werde. „Doch es ist nicht so, dass es mir am 15. Juli besser gehen wird.“