1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Ein Freigeist mit Weitsicht und Humor

Ein Freigeist mit Weitsicht und Humor

Berlin. Er galt als der liberale Vordenker der Bundesrepublik und als einer der ganz großen Intellektuellen Europas. Der Soziologe und Kosmopolit Ralf Dahrendorf hat als unruhiger Geist die gesellschaftlichen und politischen Grundsatzdebatten im Nachkriegsdeutschland mitgeprägt wie kaum ein anderer. Er hatte zahlreiche wissenschaftliche und politische Ämter inne

Berlin. Er galt als der liberale Vordenker der Bundesrepublik und als einer der ganz großen Intellektuellen Europas. Der Soziologe und Kosmopolit Ralf Dahrendorf hat als unruhiger Geist die gesellschaftlichen und politischen Grundsatzdebatten im Nachkriegsdeutschland mitgeprägt wie kaum ein anderer. Er hatte zahlreiche wissenschaftliche und politische Ämter inne. Doch unvergesslich wird vor allem die Szene bleiben, als er sich 1968 in Freiburg auf einem Autodach mit dem Studentenführer Rudi Dutschke stritt. Dahrendorf erlag gestern in einer Kölner Klinik einem Krebsleiden. Der Lebensweg des am 1. Mai 1929 in Hamburg geborenen Gesellschaftswissenschaftlers, Publizisten und Politikers liest sich atemberaubend. Der Sohn eines sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten wurde früh politisiert und von den Nazis inhaftiert. Nach Kriegsende studierte Dahrendorf in der Hansestadt Philosophie und Philologie. Nach wissenschaftlicher Laufbahn und Habilitation (1957) an der Universität Saarbrücken forschte er in seiner Geburtsstadt Hamburg, in Tübingen und Konstanz. Anschließend zog er für die FDP als Abgeordneter in den baden-württembergischen Landtag ein. Später wurde Dahrendorf Mitglied des Bundestages, Außenminister Walter Scheel (FDP) machte ihn schließlich zu seinem Parlamentarischen Staatssekretär. Doch schon 1970 verließ er die politische Bühne in Bonn und ging als EG-Kommissar nach Brüssel. Als Hoffnungsträger einer sich sozialliberal erneuernden FDP gestartet, war dies aber auch schon der Anfang vom Ende der politischen Karriere Dahrendorfs, der 1988 seiner Partei endgültig den Rücken kehrte. Inzwischen hatte der Soziologe seinen Lebensmittelpunkt nach London verlegt und war britischer Staatsbürger geworden. 1993 wurde er zum "Baron of Clare Market in the City of Westminster" ernannt und gehörte seither dem britischen Oberhaus an. Lord Dahrendorf erhielt im Lauf seines Lebens zahlreiche Auszeichnungen wie das Große Bundesverdienstkreuz. Er war drei Mal verheiratet, zuletzt mit der Kölner Ärztin Christiane Klebs. Aus der ersten, geschiedenen Ehe mit einer Engländerin stammen drei Töchter. Zeit seines Lebens blieb der weitsichtige und humorvolle Freigeist auch in Deutschland ein gefragter Intellektueller. Immer wieder mischte sich Dahrendorf in aktuelle Debatten ein. Früh prägte er etwa die bis heute aktuelle Formel von "Bildung als Bürgerrecht". Später irrte er mit seiner Vorhersage, der Euro werde nicht zur Einigung, sondern zur Spaltung Europas führen. Dann prognostizierte er ein Ende der alten Sozialen Marktwirtschaft und forderte ein garantiertes Mindesteinkommen für jeden Bürger. Noch Mitte April übergab er als Vorsitzender der Zukunftskommission Nordrhein-Westfalens einen Abschlussbericht an Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). Der gerade 80 Jahre alt gewordene Philosoph Jürgen Habermas erinnerte sich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" an seinen Generationsgefährten. Als Dahrendorf kürzlich in Oxford seinen 80. Geburtstag feierte, habe er nur noch mit Mühe sprechen können: "Aber immer, wenn es an die Substanz ging, an die Freiheit des Einzelnen, an die Freiheit des Gesellschaftsbürgers und an die des Staatsbürgers, zwang er seinen versagenden Stimmbändern doch noch eine leidenschaftliche Intervention ab." Habermas mahnte: "So sollten wir ihn in Erinnerung behalten: als den beherrschten, den mutigen, den klaren Kopf, als den politisch denkenden Gelehrten, als den entschiedensten und weitsichtigsten Geist unserer Generation." Meinung