"Ein beklemmendes Gefühl"

Ein merkwürdiges Gefühl schleicht sich plötzlich von der einen auf die andere Sekunde ein. Etwas, das Endgültigkeit signalisiert, Abschied, auch Trauer. Jedem ist das in diesem Moment bewusst. Und jeder reagiert anders darauf. Einige, eben noch gefasst, fangen offen an zu weinen. Niemand schämt sich seiner Tränen

 Reviersteiger Peter Körber in der Verladestation mit der letzten Kohle aus dem Bergwerk Saar. Fotos: Oliver Dietze

Reviersteiger Peter Körber in der Verladestation mit der letzten Kohle aus dem Bergwerk Saar. Fotos: Oliver Dietze

Ein merkwürdiges Gefühl schleicht sich plötzlich von der einen auf die andere Sekunde ein. Etwas, das Endgültigkeit signalisiert, Abschied, auch Trauer. Jedem ist das in diesem Moment bewusst. Und jeder reagiert anders darauf. Einige, eben noch gefasst, fangen offen an zu weinen. Niemand schämt sich seiner Tränen. Andere greifen zu Fotoapparaten, Handys und Filmkameras, um diesen besonderen Moment zu bannen, irgendetwas davon festzuhalten. Für später. Als Trost, als ein Stück Erinnerung. Alle blicken auf dasselbe: auf einen Zug.An der Lok und hinter dem letzten Wagen hängt ein Transparent. Mit der Aufschrift "Saarkohle RAG 30. Juni 2012". Ein Symbol auf diesem Transparent verrät die Besonderheit, die über diesem Augenblick liegt: Schlägel und Eisen sind umgedreht. Was in der Sprache der Bergleute signalisiert, dass das Bergwerk, aus dem diese Kohle kommt, geschlossen ist. Das Bergwerk Saar: Es ist nun Geschichte. Mitsamt dem Bergbau. Doch dieser Zug, auf den alle blicken, lässt ein letztes Mal erahnen, welche Rolle dieses Bergwerk für das ganze Land gespielt hat. 1000 Tonnen Kohle sind auf 15 Waggons verteilt. In den vergangenen Wochen wurde sie in Bunkern gesammelt und aufbewahrt. Die letzten Kohlen von der Saar. In der Verladestation nochmals vorbereitet. So, wie all die Jahre zuvor. Wie auch in der Blütezeit, als täglich 20 Züge den Verladebahnhof im Bergwerk Ensdorf verließen, um vor allem die Kraftwerkstandorte an der Saar mit dem "schwarzen Gold" zu versorgen. Das wegen der hohen Qualität dort lieber gesehen war als die Importkohle, die heute auf dem Seeweg aus mehreren Ländern der Erde an die Saar gebracht wird. Viele sind gekommen, um den letzten Kohlezug auf die Reise zu schicken. Der noch einmal zum Kraftwerk in Fenne fährt.

Hans-Philipp Ney (54) ist einer von denen, die am Gleis stehen. In Uniform. Mit gezücktem Handy, damit ihm nichts entgeht. "Ich habe ein ganz komisches Gefühl in der Magengegend ", bekennt der Geschäftsführer des Landesverbandes der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine. Und schüttelt den Kopf. "Es ist für mich unvorstellbar zu wissen, dass wir noch so viel Kohle unter der Erde liegen haben, die wir nicht mehr fördern. Ein beklemmendes Gefühl." Während Ney spricht, lassen sich einige ältere Bergleute in Uniform vor dem Zug ablichten. Dann ertönt plötzlich ein eindringliches, schrilles Signal, das bis ins Mark geht. Automatisch zuckt man zusammen. Jetzt ist es soweit.

In orangefarbener Dienstkleidung mit Helm steigt Michael Ziehl (44) aus Blieskastel in "seine" Lok. Auch ihm ist irgendwie unwohl zumute. "Da ist viel Wehmut drin", sagt er offen. "Auch ich bin mit der Kohle groß geworden, habe Bergmechaniker gelernt, war von 1985 bis 2000 unter Tage im Bergwerk Warndt. Es war hart. Aber es hat Spaß gemacht." Spaß in einem so gefährlichen Beruf? Das mag man kaum glauben. Doch Ziehl sagt das, was auffallend viele Bergleute immer erwähnen, wenn man sie anspricht: "Wegen der Kameradschaft. Man konnte sich aufeinander verlassen. Jeder war für jeden da." Das ist nun Vergangenheit an der Saar. Und Ziehl, 2000 zum Triebfahrzeugführer umgeschult, hätte sicherlich nie damit gerechnet, dass er es einmal sein würde, der den letzten saarländischen Kohlezug steuert. Der steht bereit. Und setzt sich pünktlich um 11.30 in Bewegung. Ganz langsam. Wie in Zeitlupe. Es knirscht und quietscht auf den Gleisen, die diese Geräusche seit vielen Jahren von sich geben. Von jetzt an wird es gespenstig ruhig bleiben. Unkraut wird wachsen, nach und nach die Gleise überwuchern.

Allmählich wird er schneller, der Güterzug, gleitet dahin. Alle Blicke folgen ihm. So, als wollte man ihn halten. Immer kleiner wird er in der Ferne. Dann ist er aus dem Blickfeld verschwunden. Ende einer Ära.

Ernste Gesichter: beim Produktionsdirektor Peter Plitzko genauso wie beim stellvertretenden Betriebsrat Martin Becker. Auch Hans-Jürgen Becker, der Betriebsratschef im Bergwerk Saar, wird nachdenklich, als er auf die stillgelegte Verladestation und den leeren Bahnhof blickt. "Wenn ich das sehe, packt mich ein Gefühl von Ohnmacht. Aber wir können die Entwicklung nicht mehr zurückdrehen."

Was soll denn nun bleiben von all dem? Wie sollen die Menschen den Bergbau in Erinnerung behalten? "Die Menschen sollten sich vor allem an die Aufbauleistung der Bergleute nach dem Krieg erinnern. Vor allem an diejenigen, die dabei ihr Leben gelassen haben", sagt Hans-Jürgen Becker. Es sei doch nun mal so, dass das Saarland seine Blüte erst mit dem Bergbau erlangt habe. Selbst der Chef des Bergwerks Saar, Friedrich Breinig, pflichtet ihm in diesem Moment bei. Auch er verfolgt die Abfahrt des letzten Kohlezuges mit Wehmut. Ohne den Bergbau würde es die saarländische Stahlindustrie nicht geben, die heute weltweit erfolgreich und gefragt ist, sagt Breinig. Für ihn liegt sogar die Wiege Europas und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft an der Saar. "Bedenken Sie, dass Ende der fünfziger Jahre in der Großregion Saar-Lor-Lux jährlich 30 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert wurden, 63 Millionen Tonnen Eisenerz, dazu wurden 19 Millionen Tonnen Eisen und 17 Millionen Tonnen Stahl produziert." Doch das ist vorbei. Die Weichen sind neu gestellt. In eine andere Zukunft ohne Bergbau.

Kaum hat der letzte Kohlezug das Bergwerk verlassen, wird auch das Gelände noch ein letztes Mal rausgeputzt für den großen offiziellen Abschied am heutigen Samstag. Auf den ersten Blick sehen die Aufbauten aus wie bei jedem Fest: eine große Bühne, viele Sitzgelegenheiten, Stände mit Schwenkbraten, Würstchen und Bier. Doch es wird kein Fest werden. Im Idealfall werden leise Töne die Mettenschicht begleiten, zu der Bergwerksdirektor Friedrich Breinig "alle Freunde des Bergbaus" ab 17 Uhr auf das Gelände in Ensdorf einlädt.

Bergmann Leonardo Buttice (48) aus Mandelbachtal wird auch da sein. Wie viele weitere: Bergmannsvereine, Fahnenträger, die Bergkapelle, der Saarknappenchor und selbst Vertreter der Kirchen. Begleitet von einem Glockengeläut im ganzen Land. Auch Buttice schwärmt noch einmal von seinem Beruf: "33 Jahre war ich dabei." Doch dann spricht er leiser: "Das Ganze geht mir schon bei. Ich bin traurig." Wie Bergmann Buttice wird es vielen gehen: Er wünscht sich einen ruhigen, würdevollen Abschied an diesem Wochenende, einen Festakt und eine Mettenschicht ohne politische Profilierung. Würde es nach Buttice gehen, gäbe es keine großen Reden der Politik. Von der ist er, wie viele Kollegen, enttäuscht. "Es ist der Bergbau, der sich verabschiedet, aber nicht die Politik und die Regierung. Für die geht es ja weiter, für uns ist Schluss", meint Bergmann Buttice bitter. "Wir können die Entwicklung nicht mehr zurückdrehen."

Hans-Jürgen Becker, Betriebsrat des Bergwerks Saar

Auf einen Blick

"Glück auf zur letzten Schicht" - so lautet heute das Motto beim Tag des Abschieds vom Saar-Bergbau. Das Programm am Bergwerk Ensdorf beginnt um 14.30 Uhr mit einem nicht öffentlichen Teil in Form eines Festaktes, auf dem neben RAG-Chef Bernd Tönjes Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer sprechen wird. Erwartet werden 500 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Zur Mettenschicht ab 19 Uhr mit Reden und Musik (Bergkapelle, Saarknappenchor) sind dann alle Mitarbeiter, Angehörige sowie Freunde des Bergbaus eingeladen. Das Gelände ist ab 17 Uhr geöffnet.

Die RAG empfiehlt Besuchern, die mit dem Auto anreisen, die Parkmöglichkeiten auf den Marktplätzen von Hülzweiler und Schwalbach zu nutzen. Von dort verkehren halbstündlich kostenlose Busse. Hinfahrt von 16.30 bis 20.30 Uhr. Rückfahrt von 22.45 bis 1 Uhr. Essen soll es "zu sozialen Preisen" geben. red