Eberhard Michael Iba ist Märchen-Sammler auf den Spuren der Brüder Grimm

Märchen-Sammler : Auf den sagenhaften Spuren der Grimms

Eberhard Michael Iba ist Märchen-Sammler. Und noch mehr verbindet den Wahl-Saarländer mit den Brüdern Grimm. Etwa ein 600-Kilometer-Denkmal.

Es war einmal ein Junge, der lebte mittendrin im Land der Märchen. In Hessen, da, wo auch die Brüder Grimm wohnten – viele, viele Jahre zuvor. Da fügte es sich, dass aus diesem „geografischen Zufall“ eine gar sagenhafte Geschichte entstand. Denn aus dem kleinen Eberhard Michael Iba – so heißt der Junge, der inzwischen 70 Jahre alt ist und in Saarbrücken lebt – wurde nicht nur ein Märchen-Kenner. Er wurde auch „Märchen-, Sagen- und Quellensammler“. Wie die Grimms. Ein dritter Bruder aus der Zukunft, sozusagen. War das Zauberei? Ein Hexen-Fluch? Schicksal? Nun, sein Vater hatte die Finger im Spiel. Und sein Forschergeist. Und Dornröschen.

Ohne die Königstochter und seinen Vater Walter wäre es mit ihm und den Märchen wohl nie so weit gekommen, glaubt Iba. Hätten sie ihn nicht inspiriert, würde er nicht seit fast 50 Jahren alte, wundersame Geschichten aufstöbern, sammeln und in Büchern festhalten. Im besten Grimm’schen Kulturauftrag, „Geschichten aus dem Volk zu finden und vor dem Vergessen zu bewahren“. Iba besäße kein sagenhaftes Märchen-Archiv und keinen Lexikon-Eintrag, würde in der Branche nicht der „Märchenstraßen-Iba“ genannt und schon gar nicht als Erbe der Grimms durchgehen. Tut er aber, wenngleich Ruhmesworte dem pensionierten Gymnasiallehrer, den der Beruf vor knapp 15 Jahren ins Saarland führte, fern liegen.

Dass der Vergleich mit den berühmten Brüdern aber gar nicht von so weit, weit hergeholt ist, zeigt sich in vielen kleinen Gleichheiten. Nicht nur Hessen, die Bescheidenheit, eine Nähe zu französischen Frauen und das Märchen-Sammeln als Passion verbindet den Wahl-Saarbrücker mit den Königen der Märchen. Iba und sein Vater gehören auch zu den Gründervätern der Deutschen Märchenstraße, die sich seit 1975 auf den Spuren der Grimms durch die Republik zieht (siehe Infobox). Viele Grimm-Wege kreuzen also Ibas Leben. Auch, weil Dornröschen seine Nachbarin war.

Denn Iba wuchs nicht einfach nur mit Grimms Märchen auf, wie so viele andere Kinder seit 200 Jahren. Er konnte die Figuren aus den magischen Erzählungen auch besuchen, weil sein Heimatort Hofgeismar mitten im Grimm-Land liegt. Direkt neben der Sababurg im Reinhardswald, wo die Prinzessin in tiefen Schlaf gefallen sein soll. Dort verbrachten Ibas in den 50ern viele Sonntage – die prägten. „Der Wald, der Ort und die Geschichte haben mich schon damals beeindruckt“, sagt der Märchen-Experte, dessen Faszination bis heute dauert.

„Märchen sind ein Spiegel des Lebens“, sagt der Mann mit dem keltischen Nachnamen, dessen Leben ein Spiegel der Märchen wurde. „Sie zeigen positive und negative Erfahrungen, wie das Leben eben ist.“ Die wundersamen Geschichten um tragische Königstöchter, sprechende Tiere, Romantik und Grausamkeit sind bis heute aktuell und wichtig, sagt Iba. Zu verdanken ist das seinen Landsmännern Jacob und Wilhelm Grimm, die vor 200 Jahren mit ihren „Kinder- und Hausmärchen“ (1812-1815), den „Deutschen Sagen“ (1816-1818) und der „Deutschen Grammatik“ (1819) zu Kultur-Helden des Deutschen wurden. Vor allem mit den Märchen um Dornröschen, Rapunzel oder die Bremer Stadtmusikanten, die sich die späteren Professoren erzählen ließen, in dicken Bänden herausgaben und damit Generationen von Vorlesern und Kindern fesselten. Heute zählen die Texte zum Weltdokumentenerbe der Unesco, sind in 180 Sprachen übersetzt.

Nicht nur geografisch, auch familiär hat Iba das Märchen-Gen mitbekommen. Immer dann, wenn sein Vater vorlas. „Er hat mich zu den Märchen gebracht“, sagt sein Sohn. Vor allem selbst geschriebene las der Vater vor, sie hießen „Die goldene Wundernuss“ oder „Die schönste Freude“. Später haben Vater und Sohn die Eigen-Märchen veröffentlicht („Aus Großvaters Märchentruhe“). „Er hat uns Kindern nicht gesagt, dass sie von ihm waren, das habe ich erst viel später erfahren“, erinnert sich der Sohn, der die Bescheidenheit geerbt hat. Den Hang zum Märchen-Schreiben nicht. „Das ist nicht meine Sache, dazu bin ich glaube ich zu nüchtern“, sagt Iba, „da bin ich anders als mein Vater.“

Anders als die Brüder Grimm war er hingegen nicht, wie sich zeigte, als Iba das Märchen-Sammeln anfing. 1974 war es, als der Student Iba zum ersten Mal ins Archiv stieg. Um Material zu sammeln für ein nordhessisches Sagenheft, nach dem eine Kundin in der Buchhandlung seiner Mutter gefragt hatte. „Es gab keins, also habe ich mich drum gekümmert.“ In Bibliotheks-Tiefen suchte Iba Märchen und Sagen der Gegend, entzifferte altdeutsche Schrift, kopierte, übersetzte, veröffentlichte sie als Buch, fand „unglaublich viele“ Käufer – und war infiziert. Das mühsame Forschen nach alten Geschichten nennt Iba seither ein „spannendes Abenteuer“. Ein Jahr später wurde er damit zum Geburtshelfer der Deutschen Märchenstraße.

1975 entstand das touristische Groß-Projekt auf 600 Kilometern zwischen Hanau und Bremen, das Grimm’sche Lebensstationen und Spielorte der Märchen und Sagen zusammenführt. „Mein Vater war als Vertreter Hofgeismars an der Gründung beteiligt“, erinnert sich Iba. „Damals waren es noch nicht so viele Orte wie heute, aber es fehlten Informationen zu vielen Stationen und Geschichten. Da kam ich ins Spiel.“ Mehr als 60 Orte gehören heute zur Straße, alle hat Iba bereist und beschrieben. Und erforscht.

Der Lehramts-Student begab sich auf die Spuren der Grimms, förderte Geschichten zu Tage über Wege, Ideen und Taten der Märchen-Könige. „Ich habe den Unterbau der Märchenstraße geliefert, das kann ich ganz unbescheiden sagen“, sagt Iba lächelnd. Für die Märchenstraße wurde der Sammler sogar selbst zum Autor, schrieb 1978 ein erstes Begleitbuch „auf den Spuren der Brüder Grimm“, im Sommer 2018 erschien ein neuer Band („Deutsche Märchenstraße. Ein Reise- und Lesebuch mit Märchen, Sagen und Legenden“). Logisch, dass Iba auch Mitglied der „Brüder-Grimm-Gesellschaft“ in Kassel wurde und überhaupt ein Grimm-Fan ist.

Märchen, die die Grimms ihm übrig ließen, sammelte er weiterhin selbst. Dutzende Archive hat Iba seit den 70ern „durchwühlt“, hunderte Märchen entstaubt und für die Nachwelt festgehalten. In seinem Arbeitszimmer in Güdingen reihen sich Aktenordner an Aktenordner, Buchrücken an Buchrücken. Sein Wirken brachte ihm sogar einen Eintrag im „Literarischen Führer Deutschland“ ein. „Darauf bin ich schon stolz“, sagt Iba. Ein gutes Dutzend Märchen-Bände hat er bisher veröffentlicht, auch während seiner Jahre in Norddeutschland und sogar schon auf Englisch. Wo immer ihn die Arbeit hinführte, widmete er die „freie Zeit“ dem Sagenhaften. Der Lehrer für Englisch und Französisch, der eine französische Deutschlehrerin heiratete und unter anderem in Marburg studierte (wie die Grimms), unterrichtete in Bremerhaven, Luxemburg und dann ab 2003 am Albert-Einstein-Gymnasium in Völklingen. 2012 kam die Pensionierung – just, als die Grimm’schen Märchen 200 Jahre alt wurden.

Im Saarland wollte und will er nicht ins Märchen-Fach einsteigen, sagt Iba. „Hier ist alles perfekt bearbeitet“, er verweist auf Karl Lohmeyer und andere, die sich den Saar-Märchen widmen. Fertig mit dem Wundersamen ist Iba aber noch lange nicht. Natürlich lese er seinen Enkeln Märchen vor, wie er es schon bei den beiden Kindern getan hat. „Ich halte das für wichtig, aber es ist immer ohne Zwang“, sagt der Großvater, der so viel mehr ist als ein Märchen-Onkel.

Die Märchenstraße wird auch sein Thema bleiben, schließlich ist das Grimm-Erbe dort lebendig. Und der „Märchenstraßen-Iba“ will sich weiter um die Erhaltung der Märchen und Sagen als „Lebensweisheiten“ und „Kulturgut“ kümmern. Ohne Schnörkel, jenseits von „Disneyfizierung“. Iba ist Purist. Wie die Grimms, auf dessen Spuren er wandelt. „Ja“, antwortet er auf die Frage, ob er die beiden Brüder gerne mal getroffen hätte. Es braucht nicht viel Fantasie, sich das vorzustellen.

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