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„Du bist der, den wir suchen“

„Du bist der, den wir suchen“

Ein Säure-Anschlag der Taliban hat Abdullah Ahmed Habibis Gesicht entstellt. Weil er sich weigerte, ein Sprengstoff-Attentat auf das Bundeswehrlager in Kundus auszuführen. Heute lebt der 21-jährige Afghane im Saarland und setzt große Hoffnungen in eine Operation.

Er sollte zum Töten ausgebildet werden. Das Ziel: Bundeswehrsoldaten. 16 Jahre alt ist der Afghane Abdullah Ahmed Habibi, als ihn die Taliban entführen und in ein Ausbildungslager für Attentäter verschleppen. Als er sich dort weigert, einen Sprengstoff-Anschlag gegen die deutsche Bundeswehr-Station in Kundus auszuführen, schütten sie ihm Salzsäure ins Gesicht. Schwer verletzt und entstellt kann er fliehen. Seit mehr als einem Jahr lebt er jetzt im Saarland. Seit vergangenem Jahr greift ihm Dillinger Verein "Die Initiative - Hilfe für Einzelschicksale international" finanziell unter die Arme.

Immer noch trägt der heute 21-Jährige schwer an seinen Verletzungen, vor allem seinen seelischen. Zweimal wollte er sich das Leben nehmen - zweimal konnte er gerettet werden. Das erste Mal in der Landesaufnahmestelle Lebach, dann in einer Wallerfanger Klinik für psychisch Kranke.

Abdullahs Geschichte hört sich in der Tat grauenvoll an. Vor den Augen seiner Mutter wird sein Vater, ein Offizier der afghanischen Staats-Armee, und seine junge Schwester im gemeinsamen Elternhaus von Taliban-Attentätern erschossen, erzählt er. Auf der Rückfahrt von den Beisetzungs-Feierlichkeiten wird der Bus, in dem auch Abdullah sitzt, von Unbekannten angehalten. Alle Passagiere werden kontrolliert und müssen ihre Papiere zeigen. Als Abdullah an der Reihe ist, heißt es: "Du bist der, den wir s uchen! Dein Vater hat bei der afghanischen Armee gedient, jetzt bist du dran!" Dem 16-Jährigen werden die Augen verbunden, er wird in ein geheimes Lager gefahren. Als man ihm die Binde wieder abnimmt, sieht er sich mehreren Dutzend Männern mit Vollbärten, Turbanen und Maschinengewehren gegenüber. Einer greift sofort nach ihm, nimmt ein scharfes Rasiermesser und schneidet ihm Teile seines rechten Ohrs ab. "Das ist eine Warnung", herrscht ihn der Taliban an, "wenn du in den nächsten Tagen und Wochen hier nicht das tust, was wir dir befehlen, wird es für dich noch schlimmer kommen!"

Abdullah schildert, wie er zusammen mit weiteren Jugendlichen darin geschult werden soll, sich an einem strategisch wichtigen Ort mit einem Sprengstoff-Gürtel in die Luft zu jagen: Sein Ziel soll das Bundeswehrlager in Kundus sein. Der junge Mann ist erschüttert und gibt zu verstehen, dass er das nicht könne. Daraufhin kommen sie nachts zu ihm. Während er schläft, schütten sie ihm Salzsäure ins Gesicht. Mit fürchterlichen Schmerzen wacht er auf. Nach 21 quälenden Tagen im Lager holt ihn schließlich ein Taliban, der wohl Mitleid mit ihm hat, heimlich nachts aus seinem Kellerverlies und entlässt ihn in die Freiheit. Seine gefährliche Flucht bringt Abdullah über den Iran schließlich nach Europa. Seit fast zwei Jahren ist der 21-Jährige jetzt als Asylbewerber in Deutschland anerkannt. Nach einem Aufenthalt in der Aufnahmestelle Lebach hat ihm inzwischen ein Hauseigentümer aus Saarlouis eine Wohnung im Stadtteil Roden angeboten. Dort lebt Abdullah seit kurzem. Er wird psychotherapeutisch betreut. Eine Ausbildung zum Elektrotechniker - ein lange gehegter Wunsch von Abdullah - soll ihn zusätzlich stabilisieren. Denn sein vom Säureattentat entstelltes Gesicht und das verstümmelte rechte Ohr belasten seine Psyche schwer.

Große Hoffnungen setzt der junge Mann jetzt in eine plastisch-chirurgische Operation in einer Spezialklinik in Stuttgart. Mitte Dezember will ihn der Vorsitzende des Dillinger "Initiative"-Vereins, Mohammed Ghod stinat, nach Baden-Württemberg begleiten. Rund 8000 Euro sollen die langwierigen Behandlungen kosten. Der Verein hofft, sie mit Hilfe von Spenden finanzieren zu können.

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HintergrundNeue Gewalt durch die Taliban in Afghanistan: Wenige Tage vor einer Großen Ratsversammlung über ein Sicherheitsabkommen mit den USA hat ein Selbstmordattentäter in der afghanischen Hauptstadt Kabul zehn Menschen mit in den Tod gerissen. 13 weitere Menschen seien verwundet worden, als der Angreifer seinen mit Sprengstoff beladenen Wagen am Samstag in ein Militärfahrzeug rammte, sagte ein Polizeisprecher. Der Anschlag erfolgte im Westen der Stadt, etwa 500 Meter von dem Gebäude entfernt, in dem die Ratsversammlung am Donnerstag zu viertägigen Beratungen über den Vertrag mit Washington zusammenkommen will. Kurz vor dem Anschlag hatte Präsident Hamid Karsai die Aufständischen aufgerufen, an der Loja Dschirga teilzunehmen. Die Taliban bekann ten sich zu dem Anschlag. dpa