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„Dies war der letzte Ton aus meinem Horn“

„Dies war der letzte Ton aus meinem Horn“

Peer Steinbrück ist ein Freund klarer Worte. Seine Sprüche sind legendär – von der Fahrradkette bis zur Kavallerie. Mit Humor und einem eindringlichen Appell gab der SPD-Politiker gestern seinen Abschied aus der großen Politik.

Ein Großer verlässt die Bühne, aus freien Stücken. Peer Steinbrück . Ex-Kanzlerkandidat der SPD , Ex-Finanzminister, Ex-Regierungschef in Nordrhein-Westfalen. Ein Vierteljahrhundert Politik an der Spitze. Es reicht. Im Bundestag stehen sie alle auf, als er am Donnerstag um 10.01 noch einmal geredet hat, rund zehn Minuten lang. Die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik steht auf der Tagesordnung, ein eher langweiliges Thema. Aber der 69-jährige Bonner ist nun einmal Mitglied im Auswärtigen Ausschuss und dies die letzte Gelegenheit, bevor es in die Rente geht, die allerdings kein Ruhestand werden wird.

Steinbrück, einer der am besten verdienenden Vortragsreisenden der Republik, wird nun wohl noch öfter für Auftritte gebucht werden; zudem will er in der von ihm mit aufgebauten Helmut-Schmidt-Stiftung arbeiten. Das Plenum ist mäßig gefüllt, nur zwei Bundesminister sind da, Frank-Walter Steinmeier (SPD ) und Thomas de Maizière (CDU ). Sie hören noch einmal, was man künftig vermissen wird im deutschen Parlament: Weitblick, Schlagfertigkeit, Selbstironie.

Steinbrück hält sich nicht lange beim eigentlichen Thema auf. Im Stakkato schildert er den kritischen Zustand der Welt, die "Zeitenwende", die irgendwann 2014/2015 eingetreten ist. Mit der Krim-Annexion, mit dem IS, mit der Krise Europas, mit dem Flüchtlingsdrama. Vor ihm hat nur noch Helmut Schmidt , sein großes Vorbild, mit so wenigen Federstrichen so eindrucksvolle globale Gesamtschauen malen können. Steinbrück fordert alle Parteien auf, mit "Herz und Verstand" für Europa einzutreten und sich leidenschaftlicher zu streiten, "nicht alternativlos", wie er leise hinzufügt. "Der Bundestag darf nicht als politisches Kartell missverstanden werden."

In der SPD galt der wortgewandte Spross einer Bankiersfamilie lange als Vertreter des rechten, wirtschaftsfreundlichen Flügels. Im Wahlkampf 2013 musste er dann als Kanzlerkandidat ein eher linkes Programm mit Steuererhöhungen vertreten. Sein Ansehen litt, als er mit hohen Rednerhonoraren in die Schlagzeilen geriet. Später zeigte er im "SZ-Magazin" den Stinkefinger. Als er zu der Zeit einen Patzer seines Teams erklären musste, antwortete er mit dem legendären Spruch: "Hätte, hätte - Fahrradkette!" In der SPD-Fraktion , wo er schon am Dienstag verabschiedet wurde, hat er sich ausbedungen, "dass jedes Mal eine Tafel Schokolade zu mir nach Hause geschickt wird", wenn jemand den Fahrrad-Spruch sagt. Dabei lag die eigentliche Selbstironie in der anschließenden tiefen Verbeugung vor den SPD-Abgeordneten, die ihn feierten. Meistens nämlich hat Steinbrück seiner Partei die Meinung "gegeigt" und von ihr als Kanzlerkandidat "mehr Beinfreiheit" gefordert.

Die hat er jetzt. Steinbrück beendet sein politisches Wirken im Bundestag mit einem altersmilden Hinweis, der natürlich als Witz verpackt ist. Vor fast 50 Jahren, als er in die SPD eintrat, habe er gedacht, er wisse, in welcher Partei die "Oberschlauen" seien - nämlich in seiner - und in welcher die "Sumpfhühner". Nämlich bei den anderen. Inzwischen habe er gelernt, "dass die Verteilung der Sumpfhühner und Oberschlauen der Normalverteilung der Bevölkerung folgt". Steinbrück verzieht keine Miene dabei, was die Wirkung noch verstärkt. Großes Gelächter. Der in Hamburg geborene Nordrhein-Westfale, der der Steueroase Schweiz einst die "Kavallerie " auf den Hals schicken wollte, schließt mit den Worten: "Dies, meine Damen und Herren, war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn". Die allerletzte Pointe.