Die zweite Karriere eines NS-Begriffs

Die zweite Karriere eines NS-Begriffs

Schon die Nazis benutzen das Unwort des Jahres 2016. Mit dem Begriff „Volksverräter“ werden heute Politiker beschimpft. Das sage auch etwas über eine Gesellschaft aus, meinen Sprachforscher.

Als Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel am 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden ankamen, wurden sie als "Volksverräter" beschimpft. Als rechte Demonstranten Sigmar Gabriel im August vergangenen Jahres in Salzgitter mit "Volksverräter" niederbrüllten, zeigte der SPD-Chef den Stinkefinger. "Volksverräter" gehört zu den Lieblingsvokabeln von Pegida, radikalen AfD-Anhängern und der rechten Szene. Gestern haben Sprachwissenschaftler den Ausdruck, dem der Geruch des Nationalsozialismus anhaftet, zum "Unwort des Jahres" gekürt - und ihn damit an die Seite des 2014 zum Unwort gewählten Begriffs "Lügenpresse" gestellt.

Der Begriff "Volksverräter" hat in Deutschland eine finstere Karriere gemacht. Erstmals überliefert ist er aus einer Parlamentssitzung in der Frankfurter Paulskirche. Dort beschimpfte am 26. Mai 1849 der kommunistischen Ideen nahestehende Abgeordnete Wilhelm Wolff den Reichsverweser (Staatsoberhaupt), Erzherzog Johann von Österreich, mit den Worten, er sei der "erste Volksverräter"; man müsse ihn für vogelfrei erklären. Konjunktur hatte der Begriff auch nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Als "Volksverräter" diffamierten Rechtsextreme all jene Demokraten, die sich für Frieden stark gemacht hatten und für die Weimarer Republik eintraten.

Schon 1933 führten die Nazis den Begriff dann ins Strafrecht ein: Gab es zuvor lediglich den Straftatbestand "Landesverrat", so entstand jetzt eine Umdeutung ins Völkisch-Nationale: Fortan konnte jeder als "Volksverräter" zum Tode verurteilt werden, der sich gegen die rassisch definierte Idee der "Volksgemeinschaft" auflehnte. Schon die kleinste missliebige Äußerung gegen das Regime war mithin von schwerer Strafe bedroht.

Für die Sprecherin der "Unwort"-Jury, Nina Janich, ist der Begriff "Volksverräter" deshalb ein "Erbe von Diktaturen". Wer das Wort heute gegen gewählte Volksvertreter gebrauche, definiere Deutschland zuerst als eine Volksgemeinschaft, in der nur derjenige Rechte haben sollte, der dem deutschen Volk durch Geburt und Blut angehört. Damit werde ein großer Teil der Bevölkerung ausgegrenzt. Nach Meinung von Sprachforschern entspringt der Begriff demselben Denken, das die AfD kürzlich zu der Forderung veranlasst hat, der Begriff "völkisch" solle wieder positiv besetzt werden.