Die Stunde des Zahlen-Jongleurs

Nürnberg. Geschafft! Die Hand voll Männer und Frauen im hinteren Teil des Mediencenters atmen tief durch. Mal wieder alles glatt gegangen. Sie sind zufrieden mit ihrem Chef

 Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, erläutert die Entwicklung der Arbeitsmarktzahlen. Foto: dpa

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, erläutert die Entwicklung der Arbeitsmarktzahlen. Foto: dpa

Nürnberg. Geschafft! Die Hand voll Männer und Frauen im hinteren Teil des Mediencenters atmen tief durch. Mal wieder alles glatt gegangen. Sie sind zufrieden mit ihrem Chef. Prägnant und überzeugend hat er den versammelten Journalisten die Arbeitsmarktlage skizziert, souverän den leichten Anstieg der Arbeitslosenzahlen in diesem Sommer erklärt und kritische Reporterfragen geschickt pariert, räsonieren sie, während die ersten Fernsehteams ihre Kameras abbauen.

"Der Chef" das ist der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise. Die Männer und Frauen gehören zum Team, das in der Nürnberger Zentrale allmonatlich aus Millionen von Einzeldaten eine Einschätzung der Arbeitsmarktlage liefert. Als verknappte Aussagen gelangt die Lagebeurteilung abends über die TV-Nachrichten millionenfach in die deutschen Wohnzimmer - genauso wie am vergangenen Donnerstag, wenn Bundesagentur-Chef Weise die Arbeitsmarktzahlen für den Monat August bekannt gibt.

Was vor TV-Kameras im Bundesagentur-Mediencenter so aussieht, als würde BA-Chef Weise die Zahl mal eben locker aus dem Ärmel schütteln, ist in Wahrheit generalstabsmäßig organisiert. Knapp zwei Wochen dauert es, bis aus den Daten der Arbeitsagenturen und Jobcenter profunde Aussagen zur Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt werden.

Knapp zwei Dutzend Mitarbeiter arbeiten daran, die Daten zu sammeln, zu überprüfen, daraus aussagekräftige Tabellen zu erstellen, Analysen zu fertigen und sie zu interpretieren, bevor daraus Redetexte und Pressemitteilungen werden.

Mitte des Monats, die Digitaluhr im BA-Rechenzentrum, einem Hochsicherheitstrakt im Keller der Nürnberger Bundesagentur-Zentrale, springt auf 0Uhr. Es ist soweit. Noch vor wenigen Stunden hatten Arbeitsagentur-Mitarbeiter die letzten Arbeitslosenmeldungen auf einem der 60000 Einzelrechner registriert. Jetzt, exakt um Mitternacht, machen Mitarbeiter im IT-Systemhaus einen Schnitt. Alles, was von jetzt an in den Arbeitsagenturen passiert, findet erst in der Arbeitslosenstatistik des übernächsten Monats seinen Niederschlag.

Verpackt in überschaubare Datenpakete jagen die Informationen bis zum nächsten Vormittag über Hochgeschwindigkeitsleitungen in das Nürnberger BA-Rechenzentrum. Der Countdown bis zur Bekanntgabe der Arbeitslosenzahlen ist angelaufen. Jetzt schlägt die Stunde der Zahlenjongleure und Wortakrobaten.

Zwei Tage später - es sind noch zwölf Tage bis zur Bekanntgabe der Arbeitsmarktzahlen ist klar: Der Datentransfer hat geklappt, die Daten sind in sich stimmig. Michael Hartmann und sein Fünf-Mann-Team von der Abteilung Statistik beginnen damit, aus dem Datenpool aussagefähige Erkenntnisse zu gewinnen.

Zunächst spucken die Rechner die mit Spannung erwartete bundesweite Gesamtarbeitslosenzahl aus, dann die Höhe der Arbeitslosigkeit in West- und Ostdeutschland; bald schon halten die Statistiker Daten zur Erwerbslosigkeit von Männern und Frauen, jüngeren und älteren Menschen in ihren Händen und wissen schließlich auch, wie sich die Arbeitslosigkeit in den einzelnen Bundesländern entwickelt hat.

Noch kennen die Daten nicht mehr als ein knappes Dutzend Bundesagentur-Mitarbeiter. Bis zum Tag der offiziellen Bekanntgabe am Monatsende werden sie wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Selbst die drei Vorstandsmitglieder der Bundesagentur erhalten die Daten erst 16 Stunden vor ihrer öffentlichen Bekanntgabe, so hat es BA-Chef-Weise verfügt. Keine Zahl soll vor dem Arbeitsmarkt-Termin in die Öffentlichkeit gelangen. Acht Tage später - es sind noch vier Tage bis zum "Tag X" - haben Hartmann und sein fünfköpfiges Team aus Zahlenkolonnen eine aussagekräftige Broschüre erstellt den mehr als 50-seitigen "Analytik-Report". Voll gepackt mit Datenreihen, Tabellen und Erläuterungen beleuchtet die Analyse detailliert die aktuelle Dynamik auf dem Arbeitsmarkt. Jetzt schlägt die Stunde von Silke Delfs. Die Politologin leitet die Abteilung Arbeitsmarkt-Berichterstattung. Von ihrem Büro im elften Stock des Bundesagentur-Hochhauses geht der Blick über das frühere NS-Reichsparteitagsgelände bis zum Frankenstadion. Zeit, diesen Blick zu genießen, hat sie freilich in diesen Tagen kaum. Bis zur Bekanntgabe der Arbeitsmarktzahlen sind es nur noch knapp vier Tage. Bis dahin müssen sie und ihre Team-Kollegen für Vorstand und Pressestelle eine Gesamteinschätzung der Arbeitsmarktlage geliefert haben - und den offiziellen Arbeitsmarktbericht. Er dient neben Journalisten auch Firmen, Instituten und Konjunkturforschern als Orientierung. Die Fakten dafür liefert der Analytik-Report der Statistik-Kollegen. Zwei Tage vor der Bekanntgabe der Arbeitslosenzahlen wächst in den schmucklosen Büros der Arbeitsmarktberichterstatter die Nervosität. Der Arbeitsmarktbericht liegt inzwischen in einer Entwurfsfassung vor. Doch bevor das 30 Seiten starke Papier das Licht der Öffentlichkeit erblickt, sind noch etliche Hürden zu nehmen. In mehren Sitzungen so genannten Leserunden diskutieren die Fachleute die Einschätzung, feilen an Formulierungen und ringen um Streichungen.

Dann ist es soweit. Auf den Plätzen drängen sich rund drei Dutzend Journalisten, an der Rückfront ein halbes Dutzend Kamerateams, als um 10 Uhr das Vorstands-Triumvirat das Mediencenter der Bundesagentur betritt. Weise ergreift nach einer kurzen Begrüßung das Wort. Er redet frei, der Sprechzettel dient ihm nur als Gedankenstütze entsprechend groß sind seine Abweichungen von den Vorgaben, an denen tagelang gefeilt wurde. Den Satz zur zentralen Lageeinschätzung dreht Weise komplett um. Und trotzdem: Alles noch mal glatt gegangen. Die Männer und Frauen im hinteren Teil des Mediencenters sind zufrieden mit ihrem Chef - aber eigentlich noch mehr mit sich selbst.

 Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, erläutert die Entwicklung der Arbeitsmarktzahlen. Foto: dpa

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, erläutert die Entwicklung der Arbeitsmarktzahlen. Foto: dpa

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