Die schwärzeste Stunde der BundeswehrAufklärung des Bombardements von Kundus dauerte fast ein Jahr

Berlin. Oberst Georg Klein ist abgetaucht. Seit seiner Rückkehr aus Afghanistan im vergangenen Herbst ist der ehemalige Kommandeur der Bundeswehr in Kundus kaum noch öffentlich in Erscheinung getreten. Nur einmal musste er sich bei einer Kommandoübergabe in der General-Olbricht-Kaserne in Leipzig vor Kameras präsentieren. Interviews gab der Chef des Stabes der 13

 Dieses Foto von einem der beiden bombardierten Tanklastzüge in Kundus ging vor einem Jahr um die Welt. Der deutsche Oberst Georg Klein hatte den Luftangriff angeordnet. Er fürchtete, dass Taliban mit den Lastwagen die Bundeswehr angreifen wollten.Foto: dpa

Dieses Foto von einem der beiden bombardierten Tanklastzüge in Kundus ging vor einem Jahr um die Welt. Der deutsche Oberst Georg Klein hatte den Luftangriff angeordnet. Er fürchtete, dass Taliban mit den Lastwagen die Bundeswehr angreifen wollten.Foto: dpa

 Der Anwalt der Opferfamilien, Karim Popal, will seine Entschädigungsforderungen notfalls vor Gericht durchsetzen. Foto: dpa

Der Anwalt der Opferfamilien, Karim Popal, will seine Entschädigungsforderungen notfalls vor Gericht durchsetzen. Foto: dpa

Berlin. Oberst Georg Klein ist abgetaucht. Seit seiner Rückkehr aus Afghanistan im vergangenen Herbst ist der ehemalige Kommandeur der Bundeswehr in Kundus kaum noch öffentlich in Erscheinung getreten. Nur einmal musste er sich bei einer Kommandoübergabe in der General-Olbricht-Kaserne in Leipzig vor Kameras präsentieren. Interviews gab der Chef des Stabes der 13. Panzergrenadierdivision gar nicht mehr. Klein hat vor einem Jahr in den schwärzesten Stunden der Bundeswehr-Geschichte das Kommando geführt. In der Nacht zum 4. September 2009 ordnete er das Bombardement zweier von Taliban gekaperter Tanklaster an, die auf einer Sandbank im Kundus-Fluss festgefahren waren. Er fürchtete, sie könnten als fahrende Bomben gegen deutsche Soldaten eingesetzt werden. Wie viele Menschen bei dem Luftangriff getötet wurden, ist bis heute unklar. Die aktuellste Zahl stammt von der Bundeswehr: 91 Tote und elf Verletzte. Die meisten waren Dorfbewohner, die Benzin abzapfen wollten. Der Angriff war eine Zäsur in der Geschichte der Bundeswehr. Erstmals wurde bei einer von einem deutschen Soldaten befohlenen Militäraktion eine große Zahl von Zivilisten getötet. Die vom damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Jung immer wieder vorgetragene Mär vom Stabilisierungseinsatz in Afghanistan hatte sich erledigt. Im Ministerium wollte man sich das allerdings nicht gleich eingestehen. Der Tod von Zivilisten wurde erst sehr spät eingeräumt. Die Informationspolitik kostete später den zwischenzeitlich ins Arbeitsressort gewechselten Minister Jung, Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert ihre Jobs. Gut sieben Monate nach dem Bombardement wurden die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Oberst Klein und seinen Flugleitoffizier eingestellt. Sie hätten weder gegen das Völkerstrafgesetzbuch noch gegen das Strafgesetzbuch verstoßen, hieß es. Auch ein Disziplinarverfahren der Bundeswehr blieb Klein erspart. In der Bundeswehr wurde der Freispruch erster Klasse für Klein dagegen mit Erleichterung aufgenommen. Unter den Soldaten in Afghanistan machte lange Zeit der Spruch die Runde: "Im Einsatz stehst du mit einem Bein im Grab und mit dem anderen im Gefängnis." Der Streit über die Entschädigung der Opfer läuft immer noch. Zwar hat das Verteidigungsministerium Anfang August jeweils 5000 Dollar (3900 Euro) für die Familien von 91 Toten und 11 Verletzten zugesagt. Dem Opfer-Anwalt Karim Popal reicht das allerdings nicht. Er fordert mit 33 000 Dollar fast das Siebenfache und will notfalls dafür vor Gericht ziehen. Auch die politische Aufarbeitung wird noch Monate dauern. Zwar sind SPD und Linke mit dem Versuch gescheitert, eine Gegenüberstellung Guttenbergs mit den von ihm entlassenen Spitzenberatern Schneiderhan und Wichert durchzusetzen. Die Zeugenliste der Opposition ist trotzdem noch lang. 40 Namen stehen darauf, darunter Innenminister Thomas de Maizière (CDU), SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit der Vernehmung der CDU-Chefin will die Opposition die Ausschussarbeit am 16. Dezember abschließen. 28. Oktober: Karl-Theodor zu Guttenberg wird im Bundestag als neuer Verteidigungsminister vereidigt. Am selben Tag trifft der Untersuchungsbericht der Nato im Ministerium ein. 6. November: Guttenberg nennt den Angriff "militärisch angemessen". 26. November: Guttenberg entlässt Generalinspekteur Schneiderhan und Verteidigungsstaatssekretär Peter Wichert. Der Minister begründet dies mit vorenthaltenen Informationen über den Angriff. 27. November: Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung übernimmt die Verantwortung für die interne Informationspolitik und erklärt seinen Rücktritt als Arbeitsminister. 2. Dezember: Zur Aufklärung der Affäre beschließt der Verteidigungsausschuss des Bundestages seine Umwandlung in einen Untersuchungsausschuss. 3. Dezember: Guttenberg bezeichnet das Bombardement im Bundestag als "militärisch nicht angemessen". Neue Dokumente hätten ihn zur Korrektur seiner Meinung veranlasst.10. Februar: Als erster Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss verteidigt Oberst Klein seine Entscheidung als "rechtmäßig". 18. März: Im Kundus-Untersuchungsausschuss weisen Schneiderhan und Wichert den Vorwurf zurück, Unterlagen seien unterschlagen worden. 19. April: Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Klein werden eingestellt. 22. April: Guttenberg räumt vor dem Untersuchungsausschuss Fehler bei der ersten Einschätzung der Aktion ein. 5. August: Das Verteidigungsministerium gesteht jeder betroffenen Familie knapp 3900 Euro Entschädigung zu. 19. August: Der Heeresinspekteur der Bundeswehr erklärt, dass er kein Disziplinarverfahren gegen Oberst Klein einleiten wird. dpa

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