Die Schranken hoch – und was machen wir nun?

Die Schranken hoch – und was machen wir nun?

Am Abend des 23. Oktober 1955 hockten wir mit Papier und Bleistift vorm Radio und rechneten mit. Als die Summe für das Nein zum Saar-Statut immer eindeutiger ausfiel, wurde aus Spannung Hochstimmung und Jubel. Im Landtag stiegen die Heimatbündler aufs Podest, Becker, Conrad, Ney und Heinrich Schneider. Heini hielt seinen berühmt gewordenen Caesaren-Daumen nach unten. Die Regierung erkannte das Ergebnis an. Hoffmann sprach mit de Carbonnel, dem Nachfolger Grandvals als französischer Botschafter an der Saar, und zog die Konsequenz. Respekt! Frankreich signalisierte Bonn Verhandlungsbereitschaft. Respekt!

Und was machen wir nun? Was nach dem Nein kommen würde, war nicht klar, ebenso wenig wie wir ahnten, was dann 57/59 wirtschaftlich auf uns zukommen könnte. Bei Foto Kiefer kaufte ich mir für alle Fälle eine H16Reflex und einen 16mm-Projektor und beim ollen Mittel staedt eine schicke große Kiste, in der das Schlichtest-Instrumentarium fürs Drehen von Trickfilmen drin war, falls alles mit der Grafik und der Werbeberatung dank dem zu erwartenden Saar-Eroberungsfeldzug der deutschen Werbeagenturen nicht mehr liefe, wollten meine Frau Bruni und ich Trickfilme zeichnen und aufnehmen . . .

Es war nicht nötig. Ein Glück! Auch die 20 Kisten Cognac , die wir in den Keller gelegt hatten, um sie im Notfall in der Bundesrepublik zu Geld zu machen, konnten wir sukzessive selber süffeln. Röder hob dann in der Nacht zum 6. Juli 1959 die letzte Zollschranke in Eichelscheid, die uns französisierte Camembert-Liebhaber vom guten deutschen Velveta-Schmelzkäse trennte.

Was lässt sich sonst noch zur Sache sagen? Zu dem Jahrzehnt zwischen 57 und 67 an der Saar? Es gab die Kabinette Welsch, Ney, Reinert, Röder. Die Ja-Sager und die Nein-Sager begannen, wieder miteinander zu sprechen, es gab den Deutsch-Französischen Garten, die Berliner Promenade, die Stadtautobahn, das Totobad, und Armin Hary lief 100-Meter-Weltrekord. Das Grubenunglück von Luisenthal. Und Krisen und Neu-Ansiedlungen.

Von 1962 bis 1967 hab ich etwa jeden zweiten Tag die politische Karikatur für die Seite 2 der SZ gezeichnet. Und Anfang der 60er rief bei mir das Consulat Général an. Handelsrat Ruby. Ich solle doch mal vorbeikommen. Das Luxemburger Abkommen über die Saar-Rückführung in die großväterlichen Arme Konrad Adenauers hatte Frankreich nicht nur die Moselkanalisierung beschert, sondern auch den saarländischen Markt gesichert. Für einige Jahre gab es für französische Waren an die Saar Zollfreiheit. Dafür sollte geworben werden. Ich erfand die Figur des freundlichen französischen Zöllners mit dem vollbeladenen Warenkarren. Für mich war er auch eine Art Personifizierung des freundschaftlichen Klimas, das nun - trotz unserem Nein - Deutsche und Franzosen wärmte.

Der Karikaturist Roland Stigulinszky (hier mit Frau Bruni) zeichnete in den 60er Jahren für SZ.

Mehr von Saarbrücker Zeitung