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Die perfekte ProvokationDie perfekte Provokation

Die perfekte ProvokationDie perfekte Provokation

Berlin/Saarbrücken. "Nicht schon wieder!" So könnte es den Chefs von Bundesbank und SPD entfahren sein, beim Blick in die Zeitung seit Montag

Berlin/Saarbrücken. "Nicht schon wieder!" So könnte es den Chefs von Bundesbank und SPD entfahren sein, beim Blick in die Zeitung seit Montag. Ihr schwarzes Schaf schlägt erneut zu: "Sarrazin: Deutschland wird immer ärmer und dümmer!" Pünktlich zum Ende der Saure-Gurken-Zeit will der Bundesbank-Vorstand die noch recht leere politische Bühne bespielen - mit "radikalen Lösungsvorschlägen" zur Einwanderungspolitik in einer perfekt orchestrierten PR-Kampagne um sein neues Buch. Bundesbank-Chef Axel Weber und SPD-Chef Sigmar Gabriel müssen hilflos zusehen; sie können den Störenfried nicht mir nichts dir nichts vor die Tür setzen, momentan zumindest nicht. Am Montag erscheint Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab". Vorabdrucke sind bereits im "Spiegel" und in der "Bild"-Zeitung zu lesen, natürlich mit Sarrazins Lieblingsthema: Integration. "Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden", schreibt der Ökonom und fordert hohe Hürden für die Zuwanderung sowie strenge Anforderungen an Menschen mit ausländischen Wurzeln. Sarrazin kritisiert, muslimische Einwanderer profitierten zu stark von Sozialleistungen und leisteten wenig Beitrag zum Wohlstand. Provokante Thesen von dem 65-Jährigen sind nicht neu. Schon als Berliner Finanzsenator sorgte er für Aufsehen, etwa mit einem Muster-Speiseplan für Hartz-IV-Empfänger. Langzeitsarbeitslosen riet er zum Energiekosten-Sparen, im Winter die Heizung herunterzudrehen und einen warmen Pullover anzuziehen. Der promovierte Volkswirt brachte auf den Punkt, was andere lieber verschwiegen, auch nach dem Wechsel zur Bundesbank im Mai 2009. Schon nach zwei Wochen mussten sich die Frankfurter von einem Sarrazin-Interview distanzieren. Inzwischen wollen einige sich schon gar nicht mehr aufregen. Anruf bei einem erfahrenen Politikberater in Berlin. Nein, zum Sarrazin-Buch will er nun wirklich nichts sagen. Der 65-Jährige habe doch nur zwischen zwei Buchdeckel gepresst, was er schon immer behauptet habe. Der Mann fülle einfach weiter seine Marktnische. Bedauerlich, dass er immer noch ein Forum bekomme. Für die SPD ist der Mann dennoch eine echte Belastung. Parteichef Sigmar Gabriel rätselte: "Warum der noch bei uns Mitglied sein will - das weiß ich auch nicht." Berlins SPD-Chef Michael Müller schimpfte über "absurde Ergüsse". Und Sarrazins Charlottenburger Kreisverbandsvorsitzender Christian Gaebler erklärte: "Ich kann auf solche Mitglieder gut verzichten." Ein neues Parteiausschlussverfahren allerdings haben sie alle nicht gefordert. Ein solches hatte Sarrazin erst im März überstanden, und die Genossen wissen: Eine Neuauflage ist aussichtslos, solange Sarrazin nur altbekannte Thesen wiederholt und keine Verfehlungen hinzukommen. "Die SPD muss solche provokanten Äußerungen aushalten", hatte die Partei-Schiedskommission im März geurteilt. Einen Austritt schloss Sarrazin aus. Auch Bundesbank-Präsident Weber sind die Hände gebunden. Er konnte Sarrazin nicht verhindern, die SPD-regierten Länder Berlin und Brandenburg hatten das Vorschlagsrecht und schickten den Berliner Finanzsenator nach Frankfurt. Die Hürden für einen Rauswurf sind hoch - auch wenn SPD-Politiker wie der saarländische Landeschef Heiko Maas finden, Sarrazin habe an der Spitze der Bundesbank "nichts mehr verloren, denn er schadet damit dem Ansehen unseres ganzen Landes im In- und Ausland". Härter als öffentliche Maßregelungen würde den Banker der Verlust seines Top-Gehaltes treffen. Offiziell sagt die deutsche Zentralbank nur: "Das Buch ist eine private Angelegenheit von Herrn Dr. Sarrazin. Er äußert darin seine persönliche Meinung." Und damit wird Sarrazin durchaus ernst genommen. "Man ist noch nicht so weit zu sagen: der Spinner", beobachtet der Werbefachmann Volker Nickel. "Er scheint dem Volk aus der Seele zu sprechen, das macht seine Popularität aus." Der Sprecher des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft sieht mit Sorge, dass man die Dinge heute oft provokant und überzogen aussprechen müsse, um überhaupt noch gehört zu werden - nach der Methode Sarrazin eben. Aber auch die nutze sich ab, meint Nickel. "Sarrazins Popularität wird vermutlich bald ihren Höhepunkt überschreiten." "Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist."Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch"Warum der noch bei uns Mitglied sein will - das weiß ich auch nicht."SPD-Chef Sigmar Gabriel"Sarrazin hat an der Spitze der Bundesbank nichts mehr verloren."SPD-Saar-Chef Heiko Maas