Die Nacht der langen Messer

Saarbrücken. Die Anzeigen sind köstlich: "Bei Unterzeichnetem sind Badehosen und Kochgeschirre angekommen. Julius Garelli", steht am 29. Juni 1848 im "Saarbrücker Anzeiger", dem Vorläufer der SZ. Zudem beabsichtigt die "Krahnengesellschaft", "einen Theil der neben dem (Saar)Krahnen stehenden Treppe (. .

Saarbrücken. Die Anzeigen sind köstlich: "Bei Unterzeichnetem sind Badehosen und Kochgeschirre angekommen. Julius Garelli", steht am 29. Juni 1848 im "Saarbrücker Anzeiger", dem Vorläufer der SZ. Zudem beabsichtigt die "Krahnengesellschaft", "einen Theil der neben dem (Saar)Krahnen stehenden Treppe (. . .) mit neuen steinernen Tritten belegen zu lassen". Der Auftrag soll "an den Wenigstfordernden" übergeben werden. Im nachrichtlichen Teil der Zeitung ist der Ton hingegen der revolutionären Stimmung der Zeit angepasst. Am 28. Juni heißt es unter der Überschrift "Telegraphische Depesche": "Paris, 26. Juni, Nachmittags 2 1/2 Uhr. Die Vorstadt St. Antoine, letzter Widerstandspunkt, ist eingenommen. - Der Kampf ist beendet. - Die Ordnung hat gesiegt über die Anarchie".1848 ging, nicht nur in Frankreich und Deutschland, als revolutionäres Jahr in die Geschichte ein. Die März-Unruhen waren aber schon vorbei, als sich die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche traf und versuchte, den zentralen Forderungen nach Gewährung von Bürger- und Freiheitsrechten sowie der Schaffung eines deutschen Nationalstaats mit eigener Verfassung und Volksvertretung gerecht zu werden. Am 2. Juli 1848 machte der "Saarbrücker Anzeiger" mit der "Tages-Neuigkeit" auf, dass unter dem "Donner der Kanonen, dem Geläute aller Glocken und dem Schwenken der Fahnen" die "Wahl des Erzherzogs Johann von Österreich zum Reichsverweser" vollzogen worden sei. Ging es in Frankfurt noch einigermaßen gesittet zu, so hatte das Blatt an diesem Tag aus Italien ("Sechs Provinzen in vollem Aufruhr"), England ("Gemetzel und Justizmord ist in Hayti an der Tagesordnung"), und Frankreich ("Ein heftiges Flintenfeuer um Mitternacht") nur Aufruhr und Unruhen zu vermelden.

Nicht ganz 90 Jahre später geschah dann etwas, was sich die revolutionären Freiheitskämpfer von 1848 nicht hätten träumen lassen: Ein Mann namens Adolf Hitler war in Deutschland an die Macht gekommen, der das Gegenteil von Freiheit wollte und alle demokratischen Errungenschaften mit brutalster Gewalt wieder zunichte machte. Einen Vorgeschmack auf die spätere Katastrophe gab es im Sommer 1934. Am 1. Juli pflasterte die Saarbrücker Zeitung die gesamte Seite 1 mit der Nachricht vom so genannten Röhm-Putsch zu. Titel über sechs Spalten: "Der Führer greift durch!" In großen Lettern wurde über "eine Säuberungsaktion" berichtet, die in Wirklichkeit eine kaltblütige Mordaktion war. Hitler war der SA-Chef Ernst Röhm zu mächtig und eigensinnig geworden, deshalb ließ er ihn und etwa 200 weitere Opfer in der "Nacht der langen Messer" kurzerhand ermorden.

Die NS-Propaganda stellte den Fall jedoch komplett anders dar und die bereits linientreue SZ spielte das üble Spiel mit. Am 2. Juli behauptete das Blatt, die gesamte Nation stehe im Fall Röhm "geschlossen hinter dem Führer". Kaum zu toppen war der Zynismus einer gefetteten Meldung auf Seite 1, in der es im Nazi-Jargon hieß (vermutlich von Propaganda-Minister Joseph Goebbels für die deutsche Presse vorformuliert): "Dem gestern verhafteten, abgesetzten Stabschef der SA, Ernst Röhm, wurde Gelegenheit gegeben, sein hochverräterisches Verbrechen durch Selbstmord zu sühnen. Da er dies nicht tat, wurde er standrechtlich erschossen. Damit hat Röhm sein Verbrechen gesühnt."

Am 3. Juli hieß es dann wieder in großer Aufmachung: "Die Säuberungsaktion ist beendet." Welch ein Trugschluss - sie fing gerade erst an . . .

Was sonst noch geschah in der 26. KW Ende Juni/Anfang Juli:

• 1835: Die Firma Bertelsmann wird gegründet.

• 1897: Im Wiener Prater wird das Riesenrad eröffnet.

• 1912: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schlägt Russland in Stockholm mit 16:0.

• 1935: In Wolfsburg läuft der erste "Käfer" vom Band.

• 1963: Der Elysee-Vertrag tritt in Kraft.

• 1995: In Bonner Bundestag wird das Gesetz über die Abtreibung (§ 218) verabschiedet.

• 2002: In Überlingen stoßen zwei Jets in der Luft zusammen. 71 Menschen sterben.

• 2004: Der US-Filmstar Marlon Brando stirbt mit 80 Jahren.

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