Die „Madame France“ des Saarlandes

Die „Madame France“ des Saarlandes

Das Saarland erhebt den Anspruch, das „französischste“ aller Bundesländer zu sein; die Landesregierung stellt in Kürze ihre neue „Frankreichstrategie“ vor. Uschi Macher (58) hat als Referatsleiterin im Kultusministerium das grenzüberschreitende Image über Jahrzehnte mit aufgebaut. Für sie ist die deutsch-französische Freundschaft mehr als Polit-Propaganda, ihre gesamte Familiengeschichte steht dafür.

Uschi Macher hat's geschafft, nach rund 25 Jahren. Ihr siebter Kulturminister - Ulrich Commerçon - ist der erste mit einem französischen Namen - "sogar mit Cedille-Zeichen drin". Machers erster Chef in der Landesregierung hieß Diether Breitenbach, war ebenfalls Sozialdemokrat, befand sich jedoch im Vergleich zu Commerçon in Bezug auf die "Europäisierung" des Saarlandbildes in der vorteilhaften Rolle eines Erst-Gipfelstürmers. Denn Mitte der 80er Jahre klang das Diktum vom "Saarvoir vivre" noch nach Charme und Champagner, die Propaganda-Klöppelspitze rund ums Lafontaine-"Land im Herzen Europas" war noch nicht verschlissen. Dagegen lösen heute grenzüberschreitende Projekte verstärkt Gähnen aus. Oder Nörgeln: noch nicht genug, alles zu kompliziert, bringt doch nix. Fragt sich, warum Uschi Macher so unverschämt, so ansteckend fröhlich in ihrem Büro an der Saarbrücker Ludwigskirche sitzt. Kaum zu Besuch dort, schwebt man mit der Leiterin des Referats für grenzüberschreitende Kultur auf rosaroten Wolken über die Großregion. Überall nur Fortschritt.

"Früher musste man sich entschuldigen, dass man im Saarland bleiben wollte. Heute sagen viele stolz: Ich bin ganz freiwillig hier." Warum? In Forbach und Paris, sagt Macher, laufen die Filme zur selben Zeit an. Die Kultur-Infrastruktur mit Metzer Centre Pompidou oder der Philharmonie in Luxemburg sei die einer Metropole. Die übliche Französischtümelei liegt ihr jedoch fern. Ums Dinieren, Einkaufen, Kochen macht sie keinen Kult. Sie möchte schlicht, dass sich alle Bürger in der Großregion auf vertrautem Terrain bewegen. Sie schwärmt deshalb vom Internet-Infoportal Plurionet ("Da sind wir federführend in Europa!"), sie packt ihren großartigen zweisprachigen Kinder-Kulturkalender auf den Schreibtisch ("Da sind wir Pioniere!") oder sie freut sich, dass man bereits zum vierten Mal das EU-Förderprogramm Interreg auflegen konnte ("Wir sind richtig gut!"). Und man muss schon so leidenschaftlich bei der Sache und nicht bei sich selbst sein wie Uschi Macher, damit all dies nicht wie Selbstlob klingt.

Denn zweifelsohne laufen bei dieser "Madame France" - amtlicher Titel: Leiterin des Referates Internationales und EU-Angelegenheiten der Kultur, Soziokultur und Kulturportale im Kultusministerium - seit 1988 die interregionalen Kultur-Fäden zusammen. Das ist kein Zufall. Es dürfte nicht viele Menschen im Saarland geben, deren Familiengeschichte und persönliche Biografie so "Saar-Lor-Lux" ist wie die von Macher. Sie hat die Großregion im Blut.

Mit dem Großvater fing es an, der im damals deutschen Petite-Rosselle als Markscheider lebte. "In unserer Familie sagten die älteren Frauen: Wenn du die Dorfschilder abmontierst, wirf sie nicht weg. Sollten die anderen kommen, kannst du sie wieder gebrauchen." Aufgewachsen ist Uschi Macher in Felsberg nahe Saarlouis. Dorthin zog ihr Opa nach dem Ersten Weltkrieg, weil er die Nationalität nicht wechseln, kein Franzose werden wollte. Bei Machers Vater löste die "zufällige" nationale Zugehörigkeit eine heftige Frankophilie aus; lothringische Geschichte wurde sein Steckenpferd. Die vier Kinder wurden im Urlaub grundsätzlich gen Normandie oder Deauville geschleppt, obwohl sie lieber nach Spanien wollten. "Wir waren als Kinder öfter in Nancy, Luxemburg und Metz als in Saarbrücken", sagt Macher.

Metz wurde ihr Lebensmittelpunkt. Dort kaufte man die "Tintin"-Hefte, die deutsche Kinder erst später als "Tim-und-Struppi"-Comics kennenlernten. Hergés "Ligne claire" - sein klar konturierter Zeichenstil -, legte die Wurzel für Machers bis heute währende Begeisterung für die Comic-Kunst: "In Frankreich ist die Bande dessinée eine literarische Gattung, in Deutschland was für Blöde." Ihre zweite spracherwerbfördernde Zuneigung galt Emile Zola, es folgte, nach einer Klassenfahrt, die dritte: die zu einem Jungen in La Baule.

Auf das Abitur folgten ein abgebrochenes Jurastudium in Metz und ein Sprachstudium in Nantes (Angewandte Fremdsprachen). Doch statt in den diplomatischen Dienst zu gehen, kehrte Macher zurück nach Felsberg, zum kranken, verwitweten Vater, und heuerte bei Villeroy & Boch an, leitete von 1984 an die Besucherorganisation, führte Frau von Weizsäcker oder Lilo Pulver, und erkannte: "Dafür musste man gut aussehen und Manieren haben und hätte nicht studieren müssen."

Der Kontakt zu Breitenbach und ins Kumi ergab sich, als Macher das Damenprogramm für die Kultusministerkonferenz entwarf. Sie bewarb sich in die Kulturabteilung, lernte ihren späteren Mann, Breitenbachs Pressechef, kennen. Muss man erwähnen, dass der damals noch mit einer Französin verheiratet war? Der Wechsel der Perspektive, das moderierende Temperament und der Wille, Verbindendes statt Trennendes zu sehen, scheinen ihre Begabung. Gibt es Nationalgene? Welche Mentalitäts-Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen sieht sie? Was macht die Arbeit über Grenzen hinweg zu einer so mühseligen Kleinarbeit? Die Franzosen seien wenig erfreut darüber, dass die Deutschen zu Besprechungen immer mit Grundsatzpapieren anrückten, erzählt Macher. "Dann heißt es: Wir haben doch noch gar nicht diskutiert."

Sprachmissverständnisse dienen derweil eher der Erheiterung. Dass man bei den Franzosen keine Perlen vor die Säue wirft, sondern den Schweinen keine Konfitüre gibt, hat sich rumgesprochen. Für Entrüstung sorgte freilich die Idee einer deutschen Kollegin bei der Suche nach einem Namen für die Großregion. Sie meinte, die lässige Art, wie man hier zusammenlebe, wäre mit "Europe saloppe" gut beschrieben. Doch saloppe bedeutet Schlampe. Aber deutsch-französische Freundschaft ist, wenn man trotzdem lacht.

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