Konservieren von Verstorbenen Die letzte Behandlung

Saarbrücken/Völklingen · Christian und Nadine Duchene sind zwei von vier Thanatopraktikern im Saarland. Ihr Beruf: das Einbalsamieren von Leichen.

 Ein Blick aus dem Kühlraum: Christian und Nadine Duchene stehen im Hygieneraum ihres Bestattungshauses Avalon in Völklingen. Hier waschen sie Verstorbene und führen, wenn nötig, eine Einbalsamierung durch.  

Ein Blick aus dem Kühlraum: Christian und Nadine Duchene stehen im Hygieneraum ihres Bestattungshauses Avalon in Völklingen. Hier waschen sie Verstorbene und führen, wenn nötig, eine Einbalsamierung durch.  

Foto: Rich Serra

Vor 15 Minuten lag hier noch ein toter Mensch. Nadine Duchene erwähnt das so ganz nebenbei, als sei es das Natürlichste der Welt. Ihr Mann Christian nennt sie liebevoll die „Ober-Einbalsamiererin“. Auch ein ganz normaler Kosename, wie es scheint.

Ihr Bestattungshaus Avalon in der Völklinger Innenstadt könnte, von außen betrachtet, auch als Kita durchgehen. Im Schaufenster gesellen sich Plüschbären zu buntem Holzspielzeug. „Wir haben das bewusst so dekoriert“, sagt der 48-Jährige. Geborgenheit zu vermitteln, gehöre für seine Frau und ihn genauso zum Berufsalltag wie das Hantieren mit Chemikalien, Schläuchen und Pumpen.

Denn Christian und Nadine Duchene sind Thanatopraktiker. Eine eher unbekannte Berufsbezeichnung, die aus dem Griechischen stammt. Thanatos: der Tod. Praktiker: die Behandelnden. Thanatopraxie: das Behandeln von Verstorbenen. Das Paar ist seit einer einjährigen Zusatzausbildung im Jahr 2014 befugt, Leichen zu konservieren.

Bereits vor mehreren tausend Jahren haben die alten Ägypter ihre Toten zur Konservierung in Leintücher mit antibakteriellen Substanzen gewickelt. Die Thanatopraktiker von heute gehen anders vor: Sie pumpen das Blut aus dem toten Körper und lassen gleichzeitig „haltbar“ machende Chemikalien hineinfließen. „Man kann da viel falsch machen“, sagt Christian Du­chene. Bei Unfall- und Brandopfern oder Wasserleichen sei das Einbalsamieren mitunter sehr schwierig. Das Blut fließe schließlich nicht so wie bei einem lebendigen Körper. Körperteile müssten gelegentlich einzeln abgepumpt werden. „Probleme tauchen auf, wenn Arterien verkalkt sind, wenn der Tote zu dick ist oder die Leiche zuvor obduziert wurde.“

Thanatopraktiker verwenden für die Arbeit am Verstorbenen eine Pumpe mit zwei Kanälen. Über die Halsarterie gelangt die Einbalsamierungsflüssigkeit in den Körper, während gleichzeitig das Blut aus einer nahegelegenen Vene abgezapft wird. Massieren hilft. „Einen komplett blutleeren Körper kriegt man nicht“, erklärt Nadine Duchene.

Die besagten Chemikalien enthalten das Konservierungsmittel Formaldehyd. Es stoppt die Fäulnis und verzögert die Zersetzung der Leiche. Wie viele Chemikalien und in welcher Dosis nötig sind, hänge vom Zustand des Leichnams ab und davon, wie lange man ihn haltbar machen wolle. „In einem präparierten Körper sind am Ende zwischen fünf und sechs Litern Chemie“, erklärt die 35-Jährige. Wenn die Leiche zu blass ist oder Flecken auf der Haut sind, wird ein Färbemittel beigemischt. Das Ziel: eine möglichst natürliche Hautfarbe.

Menschen wie Nadine Duchene und ihr Mann Christian sind rar gesät. Deutschlandweit gibt es laut Bundesverband deutscher Bestatter 100 geprüfte Thanatopraktiker, im Saarland gerade einmal vier. Wie kommt man zu so einem Beruf? Christian Duchene ist der Umgang mit Särgen quasi in die Wiege gelegt worden. Er stammt aus einer Bestatterfamilie, ist seit 1993 im Geschäft. Seinen Alltag nennt er den „ganz normalen Wahnsinn“, das Einbalsamieren „faszinierend“.

Als seine Frau erstmals von Thanatopraxie spricht, ist er überrascht: „Ich dachte, sie hätte schlecht geträumt oder am Abend davor zu viel ‚Bones‘ geguckt.“ Und tatsächlich hatte Nadine Duchene etwas geschaut. Aber nicht etwa die US-Krimiserie „Bones“, sondern den deutschen Medizin-Thriller „Anatomie“. „Das war der Wendepunkt. Der Film hat mich inspiriert“, sagt die junge Frau. Damals sei sie 17 oder 18 gewesen. Halbherzig habe sie aber zunächst Wirtschaftsinformatik studiert. „Mach was Vernünftiges, haben meine Eltern gesagt.“ Doch sie blieb „unvernünftig“, folgte ihrer Berufung und stieg 2007 bei Avalon ein.

Dort, wo sich die junge Frau am liebsten alleine aufhält, riecht es nach Plastik und Desinfektionsmitteln. Im Hygieneraum sind Handschuhe griffbereit, Schaufeltragen hängen an der Wand. „Das ist für mich ein Ruheraum“, sagt Nadine Duchene über den Bereich des Bestattungshauses, in dem gelegentlich sechs Tote gleichzeitig lagern. Hier kümmern sich die beiden um die hygienische Grundversorgung des Verstorbenen. Sie waschen den Körper und bereiten ihn vor für die Verabschiedung am offenen Sarg, die maximal drei bis vier Tage nach dem Tod stattfindet. Einen Einbalsamierungsauftrag erhält das Paar nur etwa fünf Mal im Jahr.

Das liegt auch am saarländischen Bestattungsgesetz. Es ist hierzulande nämlich verboten, einbalsamierte Leichen zu lagern. Die Leichen, die die Duchenes präparieren, werden zeitnah per Flug- oder Fahrzeugtransfer ins Ausland überführt. Anders ist das etwa in Niedersachsen, wo mit Chemikalien versetzte Leichen nicht sofort die Landesgrenze verlassen müssen. Warum das so unterschiedlich geregelt ist, kann Bernd Naumann vom Bestatterverband Saarland nicht erklären. Auch der Bundesverband deutscher Bestatter weist lediglich auf unterschiedliche Gesetzgebungen in den einzelnen Bundesländern hin.

Das Landesbestattungsgesetz des Saarlandes sieht vor, einen Menschen innerhalb von maximal sieben Tagen zu bestatten. Eine Einbalsamierung macht eine Leiche dagegen bis zu vier Wochen „haltbar“. Sie kommt im Saarland ausschließlich zum Einsatz, um den Verstorbenen ins Ausland zu bringen; also dann, wenn Menschen in ihrem Heimatland beigesetzt werden möchten.

In anderen Ländern, so berichten die Duchenes, gebe es dagegen eine regelrechte Einbalsamierungskultur. Das sei etwa in England oder in Tschechien der Fall. „In Tschechien wird jeder zweite einbalsamiert“, sagt der Bestatter, der dort gemeinsam mit seiner Frau auch einen Teil der Thanatopraktiker-Ausbildung absolvierte. Vier Leichen pro Tag und einschlägige Literatur. Ethische Fragen und Verwesungsprozesse. Anatomie und Mikrobiologie. „Jedes Mal, wenn wir in Tschechien das Kämmerchen mit den Chemikalien betraten, waren wir high“, sagt Christian Duchene und lacht. Drei bis sechs Stunden könne eine Einbalsamierung dauern, berichtet er. „Es raubt dir die komplette Energie. Es ist, als ob dir der Verstorbene die Energie entzieht.“

Weil auch sonst die Arbeit der Duchenes sehr viel Energie in Anspruch nimmt, hat das seit drei Jahren verheiratete Paar eine klare Arbeitsteilung: „Ich kümmere mich um das Geschäftliche und sie ist die große Einbalsamiererin mit dem Computer-Know-how.“

 Spitze Gegenstände und Schläuche: Ohne diese Utensilien ist die Arbeit der Duchenes nicht möglich.

Spitze Gegenstände und Schläuche: Ohne diese Utensilien ist die Arbeit der Duchenes nicht möglich.

Foto: Rich Serra

Eines bringen sie beide mit: den Wunsch, den Angehörigen einen Abschied in Würde zu ermöglichen. Sie gestalten auf diese Weise die letzte Erinnerung an einen geliebten Menschen. Wie wichtig das sein kann, hat vor 200 Jahren der deutsche Dichter Jean Paul mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“

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