Die Leiden des Uli H.

München · Steuersünder Uli Hoeneß hat voller Reue Einblick in sein Seelenleben gewährt. Mit den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft habe für ihn „die Hölle“ begonnen. Harte Worte kommen vom Bundespräsidenten.

Uli Hoeneß leidet. Der tiefe Fall vom mächtigen Bayern-Patriarchen mit Herz zum Steuersünder und Buhmann bringt den Vereinspatron des deutschen Fußball-Rekordmeisters um den Schlaf. "Es ist eine Situation, die kaum auszuhalten ist", gestand der Präsident des FC Bayern München im Interview der "Zeit", aus dem gestern erste Auszüge veröffentlicht wurden. Voller Reue bekennt sich der 61-Jährige zu seinen Börsen-Zockereien, er will für seine "große Torheit" einstehen und sie "so gut wie möglich korrigieren", versichert Hoeneß: "Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch."

Eigentlich sei er davon ausgegangen, keine Strafverfolgung befürchten zu müssen. Am 20. März habe jedoch morgens um sieben Uhr die Staatsanwaltschaft an der Tür seines Hauses am Tegernsee geklingelt. "Da begann die Hölle für mich", sagte Hoeneß. Gegen ihn lag sogar ein Haftbefehl vor, der aber gegen die Zahlung einer Kaution in Millionenhöhe außer Vollzug gesetzt wurde.

Verbindungen seines Schweizer Kontos zum FC Bayern bestritt der Weltmeister von 1974. "Dieses Konto war ganz allein Uli Hoeneß", sagte er. Auch die Vereinsspitze hatte stets von einer Privatangelegenheit gesprochen und Hoeneß den Rücken gestärkt. Einen Rücktritt als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender hat Hoeneß bislang abgelehnt. Im hochkarätig besetzten Kontrollgremium der FC Bayern AG wollen ihm einige Vertreter nahelegen, die Ämter zumindest bis zur Klärung der Sache ruhen zu lassen. Der neunköpfige Aufsichtsrat tagt am Montag in München.

Hoeneß räumte auch ein, mit seiner plötzlichen Rolle am öffentlichen Pranger ein "großes Problem" zu haben. "Ich fühlte mich in diesen Tagen auf die andere Seite der Gesellschaft katapultiert, ich gehöre nicht mehr dazu", sagte er. Nachts schlafe er schlecht. "Ich wälze mich und wälze mich. Und dann wälze ich mich nochmal. Und denke nach, denke nach und verzweifle", verriet Hoeneß. "Ich denke Tag und Nacht an meinen Fehler und an das, was ich meiner Familie angetan habe. Ich kann diesen Gedanken nicht zulassen."

Sogar eine Anklage kalkuliert er offenbar ein. "Sollte ich vor Gericht müssen, erscheine ich dort nicht als kranker Mann", sagte Hoeneß mit Bezug auf sein Millionenspiel an den Finanzmärkten.

Erstmals gab er detaillierte Einblicke in seine Spekulationen an der Börse. "In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt, das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind, diese Beträge waren schon teilweise extrem. Das war der Kick, das pure Adrenalin", erklärte Hoeneß. Zeitweise habe er schwere Verluste eingefahren, sei "richtig klamm" gewesen.

Der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus habe ihn mit Geld unterstützt. "So kamen die Millionen auf das Konto, es war immer klar, das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes", sagte Hoeneß. Der Adidas-Konzern hatte in der Vorwoche einen Zusammenhang zwischen den privaten Finanzspritzen von Louis-Dreyfus für Hoeneß und den Verhandlungen über eine strategische Partnerschaft des Unternehmens mit dem Club im Jahr 2001 dementiert.

Er halte sich nicht für krank, versicherte Hoeneß. "Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert", erklärte der frühere Nationalspieler. Er sei "nicht mehr so wie früher auf der ständigen Suche nach dem großen Kick. Ich werde älter", sagte er.

Die spektakuläre Hoeneß-Affäre hatte auch die politische Debatte um das Thema Steuerhinterziehung neu entfacht. Koalition und Opposition werfen sich gegenseitig Versagen im Kampf gegen Steuerbetrug vor. Gestern schaltete sich auch Bundespräsident Joachim Gauck ein. Im "Stern" sagte er: "In unserem Land darf es in rechtlichen und moralischen Fragen nicht zweierlei Standards geben, einen für die Starken und einen für die Schwachen. Niemand darf selbst entscheiden, ob er Steuern zahlt oder nicht." Deshalb sollte man grundsätzlich darüber nachdenken, ob nicht auch strengere Gesetze nötig seien. Was sich keineswegs ausbreiten dürfe, sei das Gefühl: Wer nicht trickst, ist selbst schuld. "Dieses Gefühl gefährdet unsere Demokratie."



Tief getrofen hat Hoeneß die Abkehr von Kanzlerin Angela Merkel. Sie war schon kurz nach Bekanntwerden des Steuerbetrugs auf Distanz zu ihm gegangen und hatte sich "enttäuscht" vom Sportfunktionär gezeigt. "Ich würde mir wünschen, dass ich irgendwann die Gelegenheit bekäme, der Bundeskanzlerin in einem persönlichen Gespräch zu erklären, wie es so weit kommen konnte, der ganze Mist", sagte Hoeneß nun.

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Am Rande Die Steueraffäre um Hoeneß hinterlässt laut dem Forsa-Institut nun auch in der Wählergunst Spuren - besonders bei CDU und CSU. Zum ersten Mal in diesem Jahr rutscht die Union im Stern-RTL-Wahltrend unter die Marke von 40 Prozent - auf 39 Prozent (minus drei Punkte im Vergleich zur Vorwoche). Die FDP bleibt bei fünf Prozent. Damit fällt die schwarz-gelbe Regierung mit insgesamt 44 Prozent hinter die Oppositionsparteien mit zusammen 45 Prozent zurück: Wie in der Vorwoche wollen 23 Prozent für die SPD stimmen und 14 Prozent für die Grünen, die Linke kann einen Punkt gut machen (acht Prozent). dpa