Die jungen Soldaten des Kreml

Moskau. Eine schmale Straße trennt ihre Welten. Katja steht hier, Jura dort. Es ist wie ein Battle beim Rap: Man skandiert gegeneinander an, versucht, den anderen fertig machen. Katja schreit: "Russland! Putin! Medwedew!". Jura ruft: "Russland ohne Putin!"

Moskau. Eine schmale Straße trennt ihre Welten. Katja steht hier, Jura dort. Es ist wie ein Battle beim Rap: Man skandiert gegeneinander an, versucht, den anderen fertig machen. Katja schreit: "Russland! Putin! Medwedew!". Jura ruft: "Russland ohne Putin!". Sie sind beide 20 und zeigen, wie gespalten die russische Gesellschaft nach den Parlamentswahlen vom vergangenen Sonntag ist.Es ist ein ungleicher Kampf an diesem Moskauer Abend, tausende Regierungsanhänger gegen ein paar hundert Regierungsgegner. Orchestriert von der russischen Spezialpolizei, die jeglichen Protest ersticken, die Nicht-Einverstandene in die Knie zwingen soll. Mit mehr als 500 Festnahmen in weniger als zwei Stunden. Das ist die harte Antwort des Kremls auf den Unmut der Bevölkerung. Als Erfüllungsgehilfen eilen hörige Soldaten der Macht auf die Straße: Jugendliche von kremlnahen Organisationen.

Katja sagt, sie sei gekommen, um ihre Meinung zu äußern. Wie schön es sich in Russland lebt, wie gut der Präsident ist. Sie reckt einen braunen Plüschbären in die Höhe, schreit "Medwedew! Russland!". Um ihren Hals hat sie einen weiß-blau-roten Schal gebunden - ihren Ausweis für die Mitgliedschaft bei der Jungen Garde, der Jugendorganisation der Kreml-Partei Einiges Russland. Weiter weg stehen Grüppchen in Rot von der Jugendbewegung Naschi (Die Unseren), geschützt von Jugendlichen in Grün, den Aktivisten von Mestnyje (Die Örtlichen) aus dem Moskauer Umkreis.

"Es sieht nach Vielfalt aus, an sich aber ist es ein großes Ganzes, dem verschiedene Aufgaben zuteilwerden", sagt Ilja Barabanow. Der 27-Jährige ist Chefredakteur der russischen Wochenzeitung "New Times" und gilt als Kenner der Szene. Naschi seien für das "massenhafte Befüllen von Plätzen" verantwortlich, die "Junggardisten" sollen als Trommler die Ausrufe von Andersdenkenden übertönen, Mestnyje als "Schränke" übernähmen die Sicherheit. Der Aufbau ist hierarchisch, auf absoluten Gehorsam gegenüber Höhergestellten ausgelegt, seien es Gruppenführer oder Polizisten.

Alle drei Organisationen entstanden im Jahr 2005 - aus Angst vor einem Umsturz des Regimes, kurz nach der Orangen Revolution in der Ukraine. Auf der Bildfläche tauchte damals ein gewisser Wassili Jakemenko auf, ein schneidiger Mittdreißiger, der Jahre zuvor unter dem heutigen Premier Wladimir Putin in der Präsidialverwaltung arbeitete. Er übernahm den Chefposten bei Naschi, wurde Oberkommissar. Heute sitzt er in der Regierung, ist Leiter des Staatskomitees für Jugendfragen. Jenes Ausschusses, dem alle kremlnahen Organisationen angeschlossen sind.

Jakemenko gilt als Beispiel für eine glänzende Karriere beim Staat. "Gerade für Jugendliche aus der Provinz, die unbedingt von dort weg wollen, ist er eine Lichtgestalt", sagt Barabanow. Die Hauptmotivation, bei Naschi, der Jungen Garde oder den Mestnyje mitzumachen, sei genau das: ein besseres Leben weitab von der Provinz. Manche sitzen schon nach zwei Jahren bei der Jungen Garde in der Staatsduma. Zudem gebe es viel Abwechslung und Geld. Für die als Forum deklarierte Aktion vor, während und nach den Wahlen sollen die Jugendlichen 300 Rubel (umgerechnet 7,50 Euro) am Tag bekommen haben. Samt Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung in der Hauptstadt. Etwa zehn Prozent des Jahresbudgets der Kreml-Jugend kommen aus dem Staatshaushalt. Den Rest spendet die Wirtschaft. Um wie viel es sich handelt, haben verschiedene Organisationen auszurechnen versucht, vergeblich. Barabanow spricht von Schwarzen Konten. Eine Protestaktion wie vor zwei Tagen koste die Organisationen umgerechnet zwischen 15 000 und 20 000 Euro, erzählen Naschi-Aktivisten.

Katja sieht für sich und für Russland eine "glänzende Zukunft". "Sie hat längst begonnen", sagt die Erzieherin, als vor ihr Dutzende Regierungsgegner in die Polizeibusse gepfercht werden. Vielleicht ist auch Jura darunter.

Meinung

Die Illusion

der Mächtigen

Von SZ-MitarbeiterinInna Hartwich

Moskau rüstet sich gegen den Protest - und zeigt seine ganze Härte. Es ist ein Zeichen tiefer Verunsicherung der Mächtigen, die sich abschirmen, nicht nur in der russischen Hauptstadt. Selbst in der Provinz fällt die Unzufriedenheit der Menschen mit der Regierungspartei Einiges Russland und zunehmend auch mit ihrem Vorsitzenden, dem Premier Wladimir Putin, immer drastischer aus. Die Staatsspitze gibt sich taub. Im Staatsfernsehen kommt ohnehin nichts über die Unzufriedenen, dort ist stets die Rede von Wettbewerb und Demokratie. Dort herrscht heile Welt. Eine Illusion. Dagegen formiert sich auf der Straße Widerstand, in den sozialen Netzwerken verabreden sich in wenigen Minuten Tausende zu Protesten. Es reicht nicht, die treuen Kreml-Jugendlichen auf die Nicht-Einverstandenen zu hetzen. Die politische Apathie vieler Russen ist längst gebrochen. Nein, es ist keine slawische Revolution, die sich auf den Hauptplätzen russischer Städte abzeichnet. Aber es kann schon bald eine werden.