Die gehetzte Generation

Berlin · Das Bauchgefühl bei der Erziehung von Kindern geht zunehmend verloren. Dazu trägt eine Vielzahl von Ratschlägen und Ratgebern von außen bei, sagt der Saarbrücker Familientherapeut Helmut Kuntz im Gespräch mit SZ-Redakteurin Iris Neu.

 Der Wunsch, perfekt zu sein, versetzt heute viele Eltern in Dauerstress. Das belastet auch die Kinder. Foto: Fotolia

Der Wunsch, perfekt zu sein, versetzt heute viele Eltern in Dauerstress. Das belastet auch die Kinder. Foto: Fotolia

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Sie haben oft zu wenig Zeit und wollen trotzdem alles richtig machen: Väter und Mütter in Deutschland sind streng mit sich selbst. Schon die Suche nach einer Kita kann da zur großen Hürde werden, vor allem in der Großstadt. Geschaut wird oft nicht mehr nach der Nähe zur Wohnung, sondern nach dem Bildungsangebot - Chinesisch oder Englisch? Doch das Streben nach dem perfekten Kind macht auch Stress, wie eine Umfrage im Auftrag der Zeitschrift "Eltern " zeigt. Rund die Hälfte der befragten Männer (56 Prozent) und drei Viertel der Frauen (73 Prozent) sprechen von sehr hohen Ansprüchen und Anforderungen an sich selbst. Was sind die Ursachen?

Familienbild: Der Vater als Versorger, die Mutter zuständig fürs Emotionale - so einfach war das noch vor Jahrzehnten. Rollen waren klar aufgeteilt und ergänzten sich, sagt der Soziologe Heinz Bude (Universität Kassel ). Heute handelten Familien partnerschaftlich, verteilten Rollen flexibel und suchten gemeinsam nach Kompromissen. Da heute weniger Kinder pro Frau geboren werden als früher, rücke das einzelne Schicksal in den Mittelpunkt: Weniger Stress machten sich nur Familien aus dem gehobenen Bildungsbürgertum und Eltern mit mehr als fünf Kindern, betont Bude. Auch für Väter sei Elternsein heute ein Teil der persönlichen Lebensleistung.

Angst vor dem Abstieg: Das eigene Kind als Gesellschaftsverlierer - diese Vorstellung macht vielen Eltern Angst. Betroffen ist vor allem die Mittelschicht, wie der Diplom-Psychologe Josef Zimmermann sagt: "Mit zunehmendem globalen Wettbewerb wächst die Angst, abzurutschen." Umwege im Lebenslauf seien heute nicht mehr vorgesehen. Kindern sei das sehr wohl bewusst: "Hauptschüler fühlen sich wie die allerletzten Loser, als bereits gescheitert", sagt Zimmermann, Leiter einer katholischen Familienberatung in Köln.

Wissen über Erziehung: "Die Erwartungen an Eltern sind gestiegen", sagt der Berliner Soziologe Lothar Krappmann, Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin . Wissenschaftliche Erkenntnisse wie die positiven Auswirkungen früher Förderung durch Vorlesen oder Musik seien heute allgemein bekannt. Damit steige die Angst, etwas zu versäumen oder falsch zu machen. Auch Eltern untereinander bauten Druck auf und zwängen sich zu Rechtfertigungen, beobachtet Soziologe Bude.

Neue Medien: Ständige Erreichbarkeit ist nicht mehr nur ein Problem von Berufstätigen. Ein Handy oder Smartphone besitzt die Hälfte der Kinder, die in einer zusätzlichen Studie interviewt wurden. Handyregeln, wie sie bei 73 Prozent der Kinder existieren, sind nach Ansicht von Psychologe Zimmermann ratsam: Chatten beschleunige den Alltag der Kinder ansonsten weiter. Doch ihre Welt ist nach wie vor auch analog, wie die Umfrage zeigt: Rund zwei Drittel treffen sich lieber in echt mit Freunden als Nachrichten zu schreiben.

Zufrieden sind die Kinder nach den Befragungsergebnissen trotz allem mit ihren Papas und Mamas. 92 Prozent sagten, sie hätten die besten Eltern , die sie sich vorstellen könnten. Die Zeitschrift "Eltern " als Auftraggeberin der Umfragen wertet das als gutes Zeichen. Allerdings handele es sich dabei nicht um einen neuen Trend, wie Soziologe Krappmann sagt: Vielmehr könnten eine positive Haltung zum Leben und ein gutes Urteil über die Eltern Kindern in die Wiege gelegt sein.

Meinung:

Entschleunigt die Kindheit!

Von SZ-RedakteurinEsther Brenner

Die deutschen Eltern zweifeln an sich. Kein Wunder, denn der Druck ist enorm, vor allem der zeitliche. "Schneller, höher, weiter" - unter diesem Motto steht heutzutage Kindererziehung. Nichts wird mehr dem Zufall überlassen, aus Angst die Kinder - und damit die Eltern selbst - könnten versagen. Vor allem Familien der bildungsnahen Mittelschicht wirken oft wie Getriebene. Wer sich Leistungsdruck und Freizeitstress entziehen will, gerät schnell ins Abseits. Und so hetzen vor allem Mütter , viele ganz selbstverständlich auch (gerne) berufstätig, von Termin zu Termin mit ihren Sprösslingen. Auf dem Weg zum Turbo-Abi nach acht Jahren müssen mindestens noch ein Musikinstrument und zwei Sportarten erlernt werden. Viele Eltern und noch mehr Kinder halten dieses Tempo nicht durch, werden krank. Wie wunderbar, dass über 92 Prozent der Kinder ihre überengagierten und gestressten Eltern trotzdem für die besten der Welt halten!

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