"Die Flut des Krieges verebbt"

Der Ort der dreizehnminütigen Fernsehansprache an die Nation war mit Bedacht gewählt. Vom East Room des Weißen Hauses aus hatte US-Präsident Barack Obama (Foto: afp) seine Landsleute im Mai über den erfolgreichen Schlag gegen Terroristen-Führer Osama bin Laden informiert. Er war der große Preis des US-Engagements in Afghanistan

Der Ort der dreizehnminütigen Fernsehansprache an die Nation war mit Bedacht gewählt. Vom East Room des Weißen Hauses aus hatte US-Präsident Barack Obama (Foto: afp) seine Landsleute im Mai über den erfolgreichen Schlag gegen Terroristen-Führer Osama bin Laden informiert. Er war der große Preis des US-Engagements in Afghanistan. Am Mittwochabend verkündete Obama von hier aus nun den Rückzug der 33 000 Mann Verstärkung, die er im Dezember 2009 nach Afghanistan geschickt hatte."Wir beginnen diesen Rückzug aus einer Position der Stärke", erklärt der Präsident seine Entscheidung. "Al Qaida ist unter größerem Druck als jemals zuvor seit dem 11. September." Die ersten 10 000 US-Soldaten sollen bereits in diesem Jahr zurückkehren. Der Rest folgt dann im Sommer 2012 pünktlich vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Danach verbleiben noch rund 70 000 Soldaten am Hindukusch. Etwa doppelt so viele wie zu Beginn der Amtszeit Obamas, der im Wahlkampf versprochen hatte, das Terrornetzwerk Bin Ladens zu zerschlagen.

Mit dem Tod Bin Ladens haben die Amerikaner das Hauptziel in dem längsten Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht. Die Zahl der aktiven Al-Qaida-Kämpfer in Afghanistan wird vom Weißen Haus auf "irgendwo zwischen 50 und 75" geschätzt. Die Mehrheit davon sei in Einheiten des Widerstand-Führers Jalaluddin Haqqani aktiv.

"Die Flut des Krieges verebbt", versichert der Präsident den kriegsmüden Amerikanern, die in einer Umfrage nach der anderen ihren Unwillen bekunden, die enormen Kosten des Afghanistan-Einsatzes weiter zu schultern. Jeder Soldat in Afghanistan kostet Onkel Sam rund eine Million US-Dollar im Jahr. Dieses Geld wird in den von Schulden und anhaltend schwacher Konjunktur geplagten USA dringend benötigt. Der Präsident spricht diesen Zusammenhang ausdrücklich an. "Wir haben in wirtschaftlich harten Zeiten und in Zeiten steigender Staatsverschuldung Billionen an Dollar für Kriege ausgeben." Jetzt sei der Moment gekommen, in dem "wir uns um den Aufbau unseres eigenen Staates kümmern müssen".

Obama setzte sich mit seiner Entscheidung über den Rat seines scheidenden Befehlshabers in Afghanistan, General David Petraeus, hinweg. Dieser hatte für einen langsameren Abzug plädiert. Wie andere Militärs drängte der designierte CIA-Chef darauf, die Verstärkung bis zum Ende der nächsten Kampfsaison im November 2012 vor Ort zu belassen. Der Fahrplan des Präsidenten zwingt die Generäle nun, umzudisponieren.

Gleichzeitig grenzte sich Obama von den Bewerbern um die republikanische Präsidentschafts-Nominierung ab, die in den vergangenen Tagen auf einen schnelleren Rückzug gedrängt hatten. Einige, so der Präsident in seiner Rede, "empfehlen einen Isolationismus, der die ganz realen Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, ignorieren".

Obama nennt seine Entscheidung einen "Kurs der Mitte". Ein Weg, den der "Commander-in-Chief" weitgehend alleine beschreitet. Auch in seiner eigenen Partei ringt er mit nicht erfüllten Erwartungen. Die Führerin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, brachte die Enttäuschung der Linken über Tempo und Umfang des Rückzugs auf den Punkt: "Viele im Kongress und überall im Land hatten die Hoffnung, dass ein vollständiger Abzug aller US-Streitkräfte früher abgeschlossen würde, als der Präsident angekündigt hat." Pelosi versprach, den Druck "für ein besseres Ergebnis" aufrecht zu erhalten.

Der Einsatz vor Ort dürfte sich nach Einschätzung von Beobachtern in den kommenden Monaten von einem breit angelegten Vorgehen gegen Aufständische hin zu einem gezielten Anti-Terror-Einsatz verschieben. Diese von Vizepräsident Joe Biden seit langem verfochtene Strategie ließe sich auch nach dem Abzug der Kampftruppen Ende 2014 fortsetzen. Die Amerikaner planen, eine Resttruppe von 25 000 Soldaten im Land zu lassen. Neben Einsätzen gegen A Qaida behielten die USA eine Basis, von der aus sie im Fall des Falles im zur Atommacht aufgestiegenen Pakistan eingreifen könnten.

Deutschland, Frankreich und Großbritannien kündigten nach der Rede des Präsidenten an, auch sie bereiteten den parallelen Abzug ihrer Truppen vor. Der Krieg in Afghanistan hat die USA bislang über 1600 Menschenleben und mehr als 500 Milliarden US-Dollar gekostet. "Wir beginnen diesen Rückzug aus einer Position der Stärke."

US-Präsident Barack Obama