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Die Filmemacher begeistern sich für das ganz normale Leben

Die Filmemacher begeistern sich für das ganz normale Leben

Berlin. Das Kino liebt Superhelden, große Liebesgeschichten und spannende Weltraum-Abenteuer. Aber es gibt derzeit auch Filmemacher in aller Welt, die sich mit ganz normalen Themen befassen. Regisseure beschäftigen sich lieber mit der Gesellschaft, in der sie leben, als dass sie irgendwelche fantastischen Geschichten erfinden

Berlin. Das Kino liebt Superhelden, große Liebesgeschichten und spannende Weltraum-Abenteuer. Aber es gibt derzeit auch Filmemacher in aller Welt, die sich mit ganz normalen Themen befassen. Regisseure beschäftigen sich lieber mit der Gesellschaft, in der sie leben, als dass sie irgendwelche fantastischen Geschichten erfinden. Und so sind auf der Berlinale in diesem Jahr diverse Beiträge zu sehen, die sich der Keimzelle unserer Gesellschaft widmen: der Familie.

Im besten Falle bestehen diese Lebensgemeinschaften aus zwei Elternteilen und zwei Kindern - aber das kommt selten vor. "The Kids Are All Right" von Lisa Cholodenko ist so ein Glücksfall - eine Familie zum Verlieben. Annette Bening und Julianne Moore begeistern als lesbisches Ehepaar mit 18-jähriger Tochter und 15-jährigem Sohn. Als der Nachwuchs den Samenspender ausfindig macht, gerät das Familienleben in Turbulenzen, existentielle Krisen und sexuelle Eskapaden eingeschlossen. Cholodenko hat ihre mitreißende Hollywood-Komödie mit leichter Hand inszeniert, am Ende haben alle etwas dazu gelernt, und die Familie ist heil geblieben.

Wie gesagt: eine Ausnahme. In den überwiegenden Fällen haben wir es mit Schrumpffamilien zu tun. Meistens sind keine Männer da. Irgendwie abhanden gekommen. Oft sitzen sie im Gefängnis oder werden gerade daraus entlassen. So wie Silviu, der jugendliche Held im starken rumänischen Beitrag "If I Want To Whistle, I Whistle". Auch in den skandinavischen Ländern, oft gerühmt für ihre guten Sozialsysteme, klafft die Schere zwischen Reich und Arm anscheinend weit auseinander. So erzählt Thomas Vinterberg im dänischen Beitrag "Submarino" ebenfalls von zwei Brüdern, von Armut, sozialer Kälte und Perspektivlosigkeit. Nicht alle Filme sind so bitter und fatalistisch. Neben schweren Sozialdramen stehen im Berlinale-Wettbewerb auch milde, humorvolle oder poetische Werke. Ein feiner, kleiner Film ist "A Somewhat Gentle Man" von Hans Petter Moland aus Norwegen. Lakonisch und mit schwarzem Humor erzählt er von Ulrik, einem älteren Mann, der aus dem Knast entlassen wird. Anstatt sich an dem Mann zu rächen, der ihn verraten hat, will sich Ulrik lieber mit seiner Familie versöhnen. Er besucht seine Frau, macht seinen Sohn ausfindig und erfährt, dass der bald Opa wird. Eine von Stellan Skarsgard in der Titelrolle goßartig gespielte Tragikomödie.

Vom harten, entbehrungsreichen Leben einer kleinen Familie erzählt "Honig" von Semih Kaplanoglu aus der Türkei. Ein Imker lebt mit seiner Frau und dem sechsjährigen Sohn Yusuf in einem entlegenen Bergdorf. Als die Bienen ausbleiben, macht sich der Vater auf die Reise in einen unerforschten Wald, um seine Bienenkörbe hoch in den Wipfeln der Bäume aufzustellen. Eine lebensgefährliche Arbeit. Yusuf wartet sehnsüchtig auf den Vater und müht sich in der Schule mit Lesen und Schreiben. Kaplanoglu erzählt seine berührende Geschichte mit schönen, poetischen Naturaufnahmen.

Was passieren kann, wenn ein Mensch mit einem Schlag seine Familie verliert, das behandelt der iranische Film "Zeit des Zorns" von Rafi Pitts, der in Berlin ebenfalls hoch gehandelt wird. Ali wurde vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen, jetzt arbeitet er als Nachtwächter in Teheran. Eines Tages sind seine Frau und seine kleine Tochter verschwunden. Auf der Polizei erfährt er, sie seien bei einem Feuergefecht zwischen Demonstranten und der Polizei versehentlich getötet worden. Ali läuft Amok, schießt wahllos auf Polizisten und flüchtet in einen labyrintischen Wald. Dort verwischen bald die Grenzen zwischen Jägern und Gejagtem.

Am heutigen Freitag gehen mit dem dänischen Film "Eine Familie" und dem französischen Beitrag "Mammuth" mit Gérard Depardieu zwei weitere (Familien-)Filme ins Bärenrennen.