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Die Börse jubelt über Europas Rettungsschirm Ein beispielloses Rettungspaket für Euro-Länder

Die Börse jubelt über Europas Rettungsschirm Ein beispielloses Rettungspaket für Euro-Länder

Brüssel. Bei 750 Milliarden Euro wurden auch die Börsianer weich. Nur wenige Stunden, nachdem das Rettungspaket der EU-Finanzminister geschnürt war, jubelten die Aktienmärkte gestern Morgen geradezu über die Nachrichten aus Brüssel. Der Dax kletterte bis hart an die 6000er Marke, der Euro sprang wieder über die Schwelle von 1,30 im Verhältnis zum Dollar

Brüssel. Bei 750 Milliarden Euro wurden auch die Börsianer weich. Nur wenige Stunden, nachdem das Rettungspaket der EU-Finanzminister geschnürt war, jubelten die Aktienmärkte gestern Morgen geradezu über die Nachrichten aus Brüssel. Der Dax kletterte bis hart an die 6000er Marke, der Euro sprang wieder über die Schwelle von 1,30 im Verhältnis zum Dollar. Vor allem Bankenpapiere legten teilweise im zweistelligen Bereich zu. "Mit dem Rettungsschirm ist ein Flächenbrand abgewendet worden", hieß es an der Frankfurter Börse. "Es war der richtige Schritt zu richtigen Zeit", meinte ein Fondsmanager. Dabei war es offenbar nicht so sehr das angekündigte Paket aus Bürgschaften und Krediten, das die Finanzmärkte so euphorisch reagieren ließ. Als sehr viel einschneidender wurde der Kurswechsel der Europäischen Zentralbank eingestuft, die sich bereit erklärt hatte, gemeinsam mit anderen Großbanken Staatsanleihen maroder Euro-Länder aufzukaufen. Analysten der Royal Bank of Scotland nannten dies den "wichtigsten Schritt des Rettungsschirms", der alle Beobachter "völlig überrascht" habe, weil die EZB sich noch am vergangenen Donnerstag geweigert hatte, in entsprechende Papiere zu investieren.Euro-Rettung um jeden PreisZwar befürchteten viele Banker, dass dies zu einer verstärkten Inflation führen könne. Dennoch nehme die Initiative "Druck von den beteiligten Regierungen". Tatsächlich fielen die Risikoaufschläge auch für griechische Anleihen im Verlaufe des gestrigen Tages nicht nur spürbar, sie stürzten von 12,711 Prozent am Freitag auf 6,573 Prozent für zehnjährige Anleihen regelrecht ab. "Alle Beteiligten wollen zeigen, dass wir den Euro verteidigen, koste es, was es wolle", begründete EU-Währungskommissar Olli Rehn gestern den unerwarteten Schritt der EZB. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, nannte den Beschluss der EU-Finanzminister vom Sonntag ebenso wie die Initiative der Euro-Staats- und Regierungschefs vom Freitag "einen großen Schritt nach vorne". Er werde reichen, um die Märkte auch "über den ersten Tag hinaus" zu beruhigen. Die europäischen Finanzminister und Notenbankchefs der sieben größten Industrienationen (G 7) erklärten, die Maßnahmen stellten "einen starken Beitrag zur finanziellen Stabilität dar". In Brüssel begannen unterdessen die Vorarbeiten für die so genannte Zweckgesellschaft, die künftig als Schlüsselstelle für die Vergabe von Krediten an Pleite-Kandidaten in der Union geschaffen werden soll. Gleichzeitig wartet man mit großer Spannung auf die Vorschläge, die Währungskommissar Rehn am morgigen Mittwoch zur Ausgestaltung einer EU-Wirtschaftsregierung machen will. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern müssten diese "sehr ambitioniert" ausfallen, um die Glaubwürdigkeit bei den Anlegern auch langfristig zu untermauern.Im Kanzleramt befürchtet man allerdings, dass der Kommissar sich allzu sehr an die Ideen des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy anlehnen könnte, der seit langem den Kurs verfolgt, die Euro-Gruppe als eine Art "Regierungsebene" zu etablieren. Dies will Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mitmachen, hatte aber zuletzt beim Euro-Sondergipfel in der Nacht zum Samstag zurückstecken müssen - offenbar auch unter Druck von US-Präsident Barack Obama. Der hatte sich bei einem Telefongespräch massiv für die Linie Sarkozys ausgesprochen. drBerlin. Der europäische Stabilisierungsmechanismus funktioniert wie der Bankenrettungsplan vor eineinhalb Jahren. Damals sollten Geldinstitute vor dem Bankrott bewahrt werden, heute sind es Staaten. Den Pleite-Kandidaten wird dabei ein Kreditrahmen eingeräumt. Wird es ernst, können sie Darlehen abrufen. Die ersten 60 Milliarden stammen von der EU-Kommission, die Geld zu marktüblichen Bedingungen aufnehmen und dann weiterreichen kann. Sollte diese Summe nicht reichen, stehen die Mitgliedstaaten bereit. Ihre Kreditrahmen: 440 Milliarden Euro (Deutschland ist mit rund 123 Milliarden dabei). Formell wird dazu eine Gesellschaft gegründet, die das Geld leiht und dabei auf die Mitgliedstaaten als Bürgen zählen kann. Anders gesagt: Kein Staat überweist dieser Gesellschaft Geld, er steht dafür ein. Sollte dann immer noch Bedarf bestehen, kann die Zweckgesellschaft weitere 250 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF) in Anspruch nehmen. Das macht unterm Strich 750 Milliarden Euro. Für die Märkte und die betroffenen Staaten aber ist ein anderer Punkt viel wichtiger: Die Europäische Zentralbank kauft zusammen mit der Deutschen Bundesbank, dem amerikanische Federal Reserve Board und der Bank of England Anleihen von maroden Staaten auf. Damit sinken die Risikoaufschläge für die Regierungen, wenn sie sich Geld am Markt beschaffen müssen. Experten sehen darin die eigentliche Sensation des Rettungsschirms. Wie viele Milliarden Euro dieser Schritt wert ist, kann derzeit noch niemand wirklich beziffern. dr