Die Baader-Meinhof-Kampagne

Der Autor der "Frankfurter Rundschau" ist empört. Da komme nun mit "Der Baader Meinhof Komplex" ein Spielfilm über das ernste Thema "Rote Armee Fraktion" in die Kinos, und seine Macher inszenierten den Start als kommerzielles Medienspektakel, klagt er auf der Internetseite der Zeitung

Der Autor der "Frankfurter Rundschau" ist empört. Da komme nun mit "Der Baader Meinhof Komplex" ein Spielfilm über das ernste Thema "Rote Armee Fraktion" in die Kinos, und seine Macher inszenierten den Start als kommerzielles Medienspektakel, klagt er auf der Internetseite der Zeitung. Direkt unter dem Artikel prangt eine Werbeanzeige: "Original RAF-Fahndungsplakate ab 2,98 Euro". Eine unfreiwillige Ironie, die zeigt, wie wunderbar die Marketingmaschine RAF funktioniert. Egal ob historische Jahrestage, Begnadigungsgesuche noch inhaftierter RAF-Häftlinge oder eben ein Filmprojekt: Das Thema RAF garantiert höchste öffentliche Aufmerksamkeit, hitzige TV-Debatten und damit saftige Einnahmen. Das weiß auch Bernd Eichinger. Der Film-Produzent ("Der Untergang") hat einen Riecher für schlagzeilenträchtige Stoffe. Für die Verfilmung des von Ex-"Spiegel"-Chef Stefan Aust 1985 veröffentlichten Klassikers der RAF-Literatur "Der Baader Meinhof Komplex" konnte Eichinger 20 Millionen Euro auftreiben. Die Regie durfte Uli Edel ("Wir Kinder vom Bahnhof Zoo") führen und als Schauspieler gab sich Eichinger nur mit der Creme de la Creme zufrieden.Ein kurzer Rückblick: Aus der abflauenden Studentenbewegung heraus formierte sich Anfang der 70er Jahre eine selbsternannte Stadtguerilla, die das ewige Diskutieren über Vietnamkrieg und Establishment leid war und zur Tat schreiten wollte. Die führenden Köpfe hießen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, später Brigitte Monhaupt oder auch Christian Klar. Das Ziel der Untergrundorganisation: die revolutionäre Überwindung des Kapitalismus. Das Mittel: der "bewaffnete Kampf" gegen die Eliten. Über zwei Jahrzehnte wütete sich die RAF in der Folge mit Anschlägen und Entführungen durch die Bundesrepublik. Die Bilanz nach der offiziellen Auflösung der Organisation 1998: 34 Todesopfer und unzählige Verletzte. Heute, im Jahr 2008, ist die RAF Vergangenheit - und auf eine Art doch nicht. Zwar sind Wissenschaftler, allen voran der Hamburger Politologe Wolfgang Kraushaar, seit Jahren um Historisierung des Phänomens bemüht. Doch reichen 30 Jahre Abstand zum Geschehen offensichtlich nicht aus für eine notwendige Versachlichung der Thematik. Zu emotional ist die Zeit für viele Menschen noch besetzt. Da gibt es Verwandte und Freunde der Opfer auf der einen Seite, schweigende Täter und ein diffuses Sympathisanten-Umfeld auf der anderen Seite. Aus marketingstrategischer Sicht ist ein loderndes Feuer der Emotionen eindeutig der beste Zustand, um ein Produkt zu verkaufen. Da müssen lediglich hin und wieder ein paar Kohlen nachgelegt werden: Wer als Journalist eine Vorab-Vorführung besuchen wolle, hieß es beispielsweise plötzlich, müsse sich gegen eine Konventionalstrafe von 100000 Euro verpflichten, keine Kritik vor der Premiere zu veröffentlichen. Dann verkündete Regisseur Edel im Magazin "Focus", er wisse, wer Hanns Martin Schleyer ermordet habe, dürfe es aber aus Gründen des Informantenschutzes nicht sagen. Und Schauspielerin Nadja Uhl klagte bei "Beckmann" über "psychologische Grenzbereiche", in die so ein Filmdreh führe. Neben dieser Form gelenkter Öffentlichkeitswirksamkeit gibt es auch kritische Stimmen. Doch auch die waren vorhersehbar und von Anfang einkalkuliert: So etwa Meinhof-Tochter Bettina Röhl, die Eichingers Epos Heldenverehrung vorwirft. Andere wiederum kritisieren das Gegenteil: Vor lauter Bemühen, der Opferperspektive gerecht zu werden, blieben die in Schreiben immer wieder artikulierten Beweggründe der Terroristen komplett im Dunkeln. "Entscheidend ist, dass sie morden, nicht warum", sagt Eichinger selbst über den Ansatz seines Films. Er wolle zu einer Entmythifizierung der RAF beitragen. Entmythifizieren wollte Eichinger vor ein paar Jahren bereits Adolf Hitler. Das Medieninteresse vor dem Start von "Der Untergang" war enorm. Doch nach der ersten Faszination an Bruno Ganz' stark authentischer Hitler-Verkörperung blieb bei vielen der dumpfe Eindruck der unzulässigen Weichzeichnung eines Massenmörders. Thematische Brisanz, konventionelle Filmsprache und eine am Massengeschmack orientierte Dramaturgie - das war die publicityträchtige Strategie Eichingers damals. Es reichte zumindest für eine Oscar-Nominierung. Und dieses Mal? Am Dienstag teilte ein Auswahlgremium mit, dass "Der BaaderMeinhof Komplex" für Deutschland in das Rennen für die Vorauswahl um den Oscar gehen soll. "Entscheidend ist, dass sie morden, nicht warum."Bernd Eichinger, Produzent